Wenn die New IRA den Migranten den Fehdehandschuh hinwirft

Manch ein Kontinentaleuropäer reibt sich verwundert die Augen, wenn aus Nordirland und der Republik Irland plötzlich wieder die alten Schreckensbilder aufsteigen: Bomben mit Semtex, Angriffe auf Polizeistationen in Lurgan und Dunmurry, eine abgefangene Autobombe bei Carrickmacross, und nun gar Drohungen einer „New IRA“, die Migranten binnen 24 Stunden des Landes verweisen will. „Zeit für den Bürgerkrieg“, tönt es aus anonymen Videos und Geheimdienstkreisen. Wer jedoch die jüngere Geschichte jener Insel kennt, wundert sich weniger über die Gewalt als über die Naivität jener, die sie für überwunden hielten.
Die IRA war nie ein homogener Block. Das war sie im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte auch nie. Von den Irish Volunteers über die Provisional IRA der „Troubles“ bis hin zu Real IRA, Continuity IRA, Óglaigh na hÉireann und schließlich der New IRA – einer Fusion aus Real IRA und der Drogenbekämpfungstruppe RAAD (Republican Action Against Drugs) im Jahr 2012 – spaltete, fusionierte und zerfiel die Bewegung unablässig. Jede Fraktion beanspruchte die wahre Erbfolge der „Óglaigh na hÉireann“, der Soldaten Irlands. Die New IRA, von den Medien so getauft, nennt sich selbst schlicht Irish Republican Army und kämpft weiter für die Wiedervereinigung, gegen die britische Präsenz und gegen all jene, die sie als Kollaborateure betrachtet. Ihre Mitgliederzahl war schon 2012 auf 250 bis 300 geschätzt; heute gilt sie als die aktivste der dissidenten Gruppen, wenn auch weit entfernt von der Schlagkraft der alten Provisionals. Bombenanschläge auf Polizeistationen, Attentatsversuche und die Ermordung der Journalistin Lyra McKee 2019 gehören zu ihrer jüngeren Bilanz. Daß ausgerechnet sie nun die Migrationsfrage als neues Betätigungsfeld entdeckt, ist weniger überraschend, als es manchem Ideologen erscheinen mag.

Eine Insel, die Gewalt kennt – und Migranten, die sie unterschätzen
Wer in Mitteleuropa aufgewachsen ist, mag Nordirland für einen friedlichen Flecken Erde auf der grünen Insel halten. Die Realität ist eine andere. Bis vor wenigen Jahren gehörten Bomben und Schießereien zum Alltag, militärisch organisierte Gewalt war keine Ausnahme, sondern Tagesordnung. Katholiken wie Protestanten, Loyalisten wie Republikaner – sie alle sind Gewalt gewohnt und wissen sie, subjektiv als ultima ratio (miß)verstanden, einzusetzen. Diese Troubles über gut hundert Jahre haben Spuren hinterlassen, die tiefer reichen als jedes Good-Friday-Agreement. In einer solchen Gesellschaft trifft der uneingeladene Migrant auf etwas, das er in weiten Teilen Mitteleuropas und dem etwas weicher gespülten Süden der Republik Irland kaum erwartet: eine keineswegs aggressive oder gewaltaffine, aber durchaus gewalterprobte und gewaltfähige Bevölkerung.
Die Migranten, die derzeit für dramatische gesellschaftliche Verwerfungen auf der irischen Insel sorgen – überwiegend aus dem arabischen und afrikanischen Raum, soziokulturell geprägt von Clanstrukturen, fremdartigen Ehrenkodizes und einer oft patriarchalen Härte –, rechnen mit einer schwachen, friedfertigen, von Schuldgefühlen und NGO-Moral gelähmten Gesellschaft. Diese Erwartung wird in Nordirland und zunehmend auch im Süden von der Realität durchkreuzt. Was in Deutschland oder Frankreich mit gesellschaftlichem Mißmut toleriert und von Regierungen samt beteiligten NGOs unterstützt und gedeckt wird, stößt hier auf massiven Widerstand aus der Bevölkerung – trotz politischer Deckung durch Dublin, London und Brüssel. Der Fall des sudanesischen Asylbewerbers Hadi Alodid, der im Juni 2026 den Einheimischen Stephen Ogilvie in Belfast mit einem Messer angriff, ihm ein Auge ausstach und offenbar einen Enthauptungsversuch unternahm, war nur der jüngste Kipppunkt. Unruhen folgten, Häuser und Busse brannten, die Stimmung kochte über. Ähnliche Vorfälle – Messerattacken, sexuelle Übergriffe, Parallelgesellschaften – haben den Boden bereitet.

Die New IRA als gefährlicher Player der Tagespolitik
Hier liegt der Schlüssel, mit dem sich die New IRA ins tägliche Leben und in die Tagespolitik zurück katapultieren könnte. Nachrichtendienstliche Quellen berichten von Plänen einer Gewaltkampagne, um Migranten von der Insel zu vertreiben. In einem anonymen Video spricht man von Ultimaten, von 24 Stunden Frist und von einem „Bürgerkrieg“. Die Gruppe habe, so mehrere übereinstimmende Quellen, zwei Ziele: irische Unabhängigkeit und „alle Migranten raus“. Ob das nun taktische Rhetorik im Machtkampf zwischen Fraktionen ist oder ernsthafte Absicht – die bloße Ankündigung genügt, um die Sicherheitsbehörden in Alarmbereitschaft zu versetzen und Migrantenströme über die offene Landgrenze nach Großbritannien zu lenken. Die jüngsten Bombenfunde – darunter eine mit militärischem Semtex bestückter Sprengsatz, der von einer Studentin transportiert worden sein soll – zeigen, daß die Kapazitäten keineswegs erloschen sind.
Man mag die New IRA als anachronistische Splittergruppe abtun, als Schatten der Vergangenheit. Doch in einem Klima, in dem der Staat die legitimen Sorgen und brennenden Nöte der eigenen Bevölkerung als „Rassismus“ abtut und Alarmsignale systematisch ignoriert, füllen solche Gruppen die Lücke. Die Verantwortung für diese Zuspitzung tragen die irische Regierung, die britische Regierung und nicht zuletzt die EU-Kommission. Sie alle betreiben eine verantwortungslose Migrationspolitik gegen die Wünsche und Interessen der Bevölkerung. Dublin öffnete die Tore weit, London – trotz Brexit – setzte den EU-Kurs fort, Brüssel predigt weiter die offene Gesellschaft, während die Einheimischen die Kosten tragen: in Wohnraum, Sicherheit, sozialem Zusammenhalt und kultureller Identität.
Es ist ein bitterer Zynismus der Geschichte: Dieselben Eliten, die einst die IRA als Terrororganisation brandmarkten und den Frieden als sakrosankt erklärten, schaffen nun die Bedingungen, unter denen Gewalt erneut als Antwort auf politische Ohnmacht erscheint. Die Bevölkerung, die Jahrzehnte der Bomben hinter sich hat, lässt sich nicht mit hohlen Phrasen von „Vielfalt“ und einer „bunten Gesellschaft“ abspeisen. Wenn der Souverän zum lästigen Störenfried degradiert wird und die Regierungen ihrem Herrn den Dienst verweigern, dann greifen alte Reflexe. Die New IRA mag dabei sicher kein Heilsbringer sein – ihre Methoden bleiben verbrecherisch und ihre Ziele fragwürdig. Doch sie ist Symptom einer tieferen Krankheit: einer Politik, die den eigenen Bürgern den Rücken kehrt und damit jenen in die Hände spielt, die Gewalt als Politikersatz begreifen.

Wer jetzt noch immer meint, man könne die deutlichen Zeichen der Zeit ignorieren und weiter auf Moralpredigten und NGO-Beschwichtigungen setzen, der möge sich an die Geschichte der Insel erinnern. Gewalt war dort nie bloße Ausnahme. Und sie unweigerlich kehrt zurück, wenn der Staat versagt und weil der Staat versagt.

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