Versinken im Mediensumpf II

Die Probleme mit der „vierten Gewalt“

Die deutschsprachige Medienwelt hat eine lange Geschichte. Die Wiener Zeitung bspw. wurde 1703 als das „Wiennerisches Diarium“ gegründet und gilt als die weltweit älteste Tageszeitung. Was in dieser Zeitung stand und steht, hat beinahe amtlichen Charakter. Nicht zu Unrecht, schließlich ist sie nicht nur das „Amtsblatt“ der Republik, sondern auch zu 100% im Besitz des Bundeskanzleramtes. Daß dieses Medium, das auch für seine nüchterne Trockenheit gerühmt wird, dessen Archiv 2016 ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde, einer unsicheren Zukunft entgegenblickt, steht auf einer anderen Seite.

Die Revolutionsjahre 1848/49 oder die Zeit nach dem ersten Weltkrieg waren Hochzeiten des Journalismus, der Zeitungen, Zeit- und Denkschriften. Unzählige Medien wurden mit unterschiedlichem Erfolg an die Leser gebracht. Die Urheber dieses Booms, die Herausgeber, Redakteure und Journalisten waren bekannte, kultivierte, gebildete und geschätzte Menschen. Nicht Alle. Jedoch die unzähligen Ritter der gespitzten Federn, an die man sich heute noch erinnert und ein mindestens genauso großer Anteil, die unverdientermaßen in Vergessenheit gerieten. Die Journalisten waren vielseitig interessiert und sehr breit gebildet. Sie saßen am Vormittag im Kaffeehaus, wo sie nicht nur alle möglichen Zeitungen aufsogen, sondern sich mit Kollegen, den üblichen Tratsch- und Klatschtanten, aber auch informierten Damen und Herren aus Politik, Justiz, Kultur und Wirtschaft unterhielten. Oft wurde der Nachmittag bei Lesungen, Nachmittagsvorstellungen, Konzerten oder Vorträgen, aber auch im unvermeidlichen Basar der Neuigkeiten – dem Kaffeehaus – verbracht. Auch der Abend war oft der Kultur, den Theater- oder Opernaufführungen, den Konzerten, den Abendgesellschaften oder – Sie werden es nicht für möglich halten! – dem Kaffeehaus gewidmet.
Die Vertreter der schreibenden Zunft waren stets gut informiert und hielten sich oft genug nicht im Kundtun ihrer eigenen Meinung zurück. Allerdings taten sie dies im Rahmen eines gekennzeichneten Kommentars. Und oft genug waren sie beim Verfassen schon darauf gefaßt, daß die von ihnen durch den medialen Kakao gezogene Person sie umgehend verklagen würde und man sich vor Gericht wiedersehen würde. Streitbare Schreibgewaltige wie ein Karl Kraus oder Egon Erwin Kisch sahen es als Herausforderung, vor Gericht den Wahrheitsbeweis ordentlich anzutreten und ihrem Gegner so noch eine Ohrfeige zu verpassen. Diese Form der PR konnte man mögen oder eben auch nicht.

Wer schreiben konnte, machte seine eigene Zeitung. – Meinungsvielfalt 1848

Heute spielt sich das etwas anders ab. Die meisten Journalisten – Und der deutschsprachige Raum ist durchaus voller hervorragender Journalisten! – sind wehleidig und gleichzeitig sehr schlampig. Unausgegorene Gerüchte werden zur mit eigenen Meinungen und Wunschvorstellungen verbrämten Riesengeschichte hochstilisiert. Und wenn sich der Angegriffene wehrt, ist man wehleidig. Der Fehler liegt darin, daß die Journalisten gerne Geschichten mit dem ihnen genehmen Inhalt schreiben. Was nicht in ihre Erwartungshaltung paßt, wird weggelassen oder kunstvoll soweit verfremdet, daß es knapp an der Lüge kratzt. Es fehlt die professionelle Distanz zum Objekt der Geschichte. Stets versuchen unsere Schreiberlinge einen Artikel zu verfassen, in denen es Gut und Böse gibt. Und sie wollen bestimmen, wer es ist. Dem Leser wird die Entscheidungskraft gar nicht mehr zugetraut. Und dies zeichnet kein gutes Bild vom Verständnis der Medienmacher für ihre Kunden, ihre Leser. Das Wertebild, das in den Berichten und Geschichten, den Artikeln und Kolumnen abgeliefert wird, ist das Wertebild des Verfassers. Und oft genug kann man die Wertewelt mancher heimischer Journalisten tief im Bereich des Vertrottelten verorten. Sorry, liebe Kollegen.
Die Damen und Herren der Redaktionsstuben weisen zwar bei weitem nicht mehr das weltmännische Geschick der Vorgänger Anfang des 20. Jahrhunderts auf, verfügen nicht einmal ansatzweise über deren gediegenes und breit gefächertes Wissen, haben aber ein Selbstbewußtsein entwickelt, als könnten sie mit einem einzigen gedanklichen Wimpernschlag alles Elend der Welt beenden und Krebs durch Anpissen heilen.

In dieser massiven Selbstüberschätzung hat man sich selbst den Titel der „vierten Gewalt“ verliehen. Neben den verfassungsmäßigen und demokratisch, bzw. durch genaue Auswahlverfahren und Ausbildungen legitimierten Gewalten wie Legislative, Exekutive und Justiz sehen sich weite Teile der heimischen Schreibtischtätigen als „die Kontrolle“ von all dem. Nur leider fehlt es häufig an den Grundkenntnissen über die gesetzlichen Regeln, die Vorgänge, das Wie? und Was? der einzelnen Bereiche. Aber sie wollen kontrollieren. In dieser Not des Nichtverstehens bei gleichzeitiger Selbstdarstellung als Alleswisser kommt es dann zu journalistischen Unfällen, die sehr tief in sehr dunkle Seelen blicken lassen. Pfui pfui pfui. Getrieben von der Sehnsucht, als großer und nach Möglichkeit gefürchteter, aber auch geliebter Großinquisitor und Inhaber des permanenten Leitartikels gesehen zu werden, muß man ständig irgendetwas liefern. Und die so getriebenen Journalisten verlieren das Gespür dafür, was man schreibt und was man sich im Gedächtnis behält. Private Unzulänglichkeiten von Politikern werden zum journalistischen Politikum gemacht. Jeden noch so unpassenden Schmarrn haut man raus. Menschliche, familiäre Tragödien werden breitgetreten.
Natürlich wendet sich dann wieder ein großer Teil der Menschen voller Ekel ab. Und die gesamte Medienwelt erfährt über Umfrageergebnisse, daß die Menschen den Journalisten kein Vertrauen schenken.
Und was lernen die lieben Damen und Herren Kollegen daraus? Nichts, denn jetzt sind sie wieder wehleidig…

Und wieder wehleidig…



Das Thema der Medien, ihrer Wirkung und all jener, die mit ihnen zu spielen versuchen, wird uns noch länger beschäftigen.

Bleiben Sie uns treu. Bleiben Sie informiert. Und frei nach Karl Farkas: Schau`n Sie sich das an!

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