
Europas Städte stehen nicht auf Styropor und Sperrholz. Sie stehen auf Ziegel und Beton, auf Mauern, die Generationen überdauert haben, während Ideologien kamen und gingen. Nun aber soll diese Binsenweisheit – pardon, diese historische Tatsache – in der CO₂-Bilanzierung von Gebäuden geflissentlich ignoriert werden. Der Entwurf der OIB-Richtlinie 7, der die Vorgaben der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) umsetzt, rechnet mit einem starren Bilanzierungszeitraum von 50 Jahren. Unabhängig vom Material, unabhängig von der tatsächlichen Nutzungsdauer. Landeshauptmann-Stellvertreter und Baurechtsreferent Dr. Manfred Haimbuchner hat den Finger in diese offene Wunde gelegt und an die zuständigen Referenten der Bundesländer geschrieben. Zu Recht.
„Europas Kultur steht seit Jahrhunderten auf Ziegel und Beton, nun ist nach 50 Jahren Schluss“, bringt es Haimbuchner auf den Punkt. Ein Blick in die Innenstädte genügt: Altbauten aus dem 18. oder 19. Jahrhundert stehen noch immer, oft in besserem Zustand als manch ein Fertighaus aus den 1970ern. Doch in der neuen Berechnungsmethode zählt das nicht. Die graue Energie, die Emissionen aus Herstellung, Transport und Errichtung, wird auf 50 Jahre umgelegt. Was darüber hinaus hält, bleibt unberücksichtigt. Wer langlebig baut, zahlt den Preis – und bekommt den Vorteil nicht angerechnet.
Das ist kein technisches Detail, sondern ein massiver Markteingriff. Ziegel und Beton sind teurer in der Herstellung, weil sie eben nicht nach einem halben Jahrhundert kollabieren. Ihre längere Lebensdauer – Studien und Praxis sprechen bei Massivbauten von 120 bis 150 Jahren und mehr, oft deutlich darüber – wird in der CO₂-Rechnung schlicht weggeblendet. Kurzlebigere Materialien erscheinen dadurch bilanztechnisch günstiger, obwohl sie in der Realität früher erneuert, repariert oder abgerissen werden müssen. Die Verzerrung des Wettbewerbs ist systemisch: Die Hersteller langlebiger Baustoffe werden bestraft, die Produzenten von Wegwerfarchitektur belohnt. Willkommen in der Welt der realitätsfernen EU-Normierung.
Haimbuchner formuliert es unmissverständlich: „Wer langlebig baut, darf dafür nicht bestraft werden. Wenn Ziegelgebäude über Generationen halten, muss sich dieser Vorteil auch in der CO₂-Bilanz widerspiegeln. Alles andere verzerrt den Wettbewerb und benachteiligt nachhaltiges Bauen.“ Man könnte hinzufügen: Es benachteiligt auch den Hausverstand. Die EU selbst räumt in den Erläuterungen ein, dass die 50 Jahre ein „vereinbarter Bezugszeitraum“ seien und nicht die angenommene Nutzungsdauer eines Gebäudes. Doch genau diese Unterscheidung bleibt in der Praxis wirkungslos, solange die längere Haltbarkeit nicht positiv in die Bilanz eingeht.
Vergleiche über den Lebenszyklus zeigen das Dilemma. Bei einer Betrachtung von 50 Jahren schneiden Holzbauweisen in der Herstellungsphase oft besser ab – Holz speichert CO₂, die Produktionsemissionen sind niedriger. Doch sobald der Horizont auf 80 Jahre oder mehr erweitert wird, holen Massivbauten auf oder überholen. Wärmespeicherfähigkeit reduziert den Heizenergiebedarf um mehrere Prozentpunkte; Instandhaltungszyklen sind länger; die Tragstruktur hält. Eine DAfM-Studie etwa weist darauf hin, dass bei 80 Jahren Betrachtungszeitraum Mauerwerk bis zu vier Prozent weniger CO₂ verursacht als vergleichbare Holzleichtbauweisen. Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Über längere Zeiträume gleicht die Betriebsphase den anfänglichen Nachteil aus. Wer nur 50 Jahre rechnet, sieht eine willkürliche Grenze mitten durch die Realität.
Dazu kommt die historische Dimension. Mehr als zwei Drittel des über 50 Jahre alten Gebäudebestands in Ziegelbauweise zeugen davon, dass Massivbauten keine Wegwerfware sind. Römische Betonbauwerke stehen nach zweitausend Jahren noch. Wiener Gründerzeithäuser, Münchner Altbauten, Salzburger Bürgerhäuser – sie alle spucken der 50-Jahre-Logik ins Gesicht. Doch Brüssel und die nachfolgenden Richtlinienentwürfe tun so, als sei ein Haus ein Smartphone: Nach fünfzig Jahren Abschreibung, dann entsorgen. Das mag bürokratisch elegant sein, weil es vergleichbare Zahlen liefert. Es ist aber realitätsfremd und wirtschaftsfeindlich.

Die Bauwirtschaft spürt das bereits. Langlebige Baustoffe werden in der CO₂-Rechnung systematisch benachteiligt, obwohl sie Ressourcenschonung im besten Sinne bedeuten: einmal bauen, lange nutzen. Recycling und Wiederverwendung am Ende des Lebenszyklus können in Modul D zwar berücksichtigt werden, doch die eigentliche Stärke – die Jahrzehnte oder Jahrhunderte längere Nutzung – fällt unter den Tisch. Gleichzeitig steigt der Druck auf Hersteller, sich den neuen Kennzahlen anzupassen. Das Ergebnis? Eine schleichende Verschiebung hin zu Materialien, die in der 50-Jahre-Bilanz gut aussehen, im echten Leben aber eher nicht.
Haimbuchner appelliert an seine Kollegen in den Bundesländern, den Spielraum der Richtlinie zu nutzen und von diesem realitätsfernen Zeitraum Abstand zu nehmen. „Als Politiker tragen wir eine Gesamtverantwortung für dieses Land. Ich appelliere daher, diese Verantwortung wahrzunehmen und hier einen Ansatz der Vernunft, des Hausverstandes und des Augenmaßes zu wählen.“ Genau das ist der Punkt. Die EU gibt den Rahmen vor – Bezugszeitraum 50 Jahre –, doch die nationale Umsetzung muss nicht sklavisch jede Unvernunft mitmachen. Österreich könnte hier Maßstäbe setzen, statt brav abzunicken.
Natürlich wird man einwenden, Vergleichbarkeit sei wichtig. Richtig. Aber Vergleichbarkeit auf Kosten der Wahrheit ist keine Tugend, sondern Selbsttäuschung. Ein Gebäude, das 150 Jahre steht, verursacht pro Jahr seiner Nutzung deutlich weniger Emissionen als eines, das nach 60 Jahren abgerissen werden muss. Das zu ignorieren, ist so, als würde man den Spritverbrauch eines Autos nur über die ersten 50.000 Kilometer rechnen und den Rest der Lebensleistung unterschlagen.
Die Ziegel- und Betonindustrie ist keine Lobby der Vergangenheit. Sie produziert das Material, aus dem unsere Städte gewachsen sind und das – bei entsprechender Pflege – unsere Enkel noch bewohnen können. Wer das in der CO₂-Bilanz systematisch abwertet, betreibt keine Klimapolitik, sondern Ideologie mit dem Taschenrechner. Und Ideologie, das wissen wir aus der Geschichte, hält selten länger als ein paar Jahrzehnte. Ziegel und Beton schon.
Haimbuchner hat den richtigen Ton angeschlagen: Vernunft statt Dogma, Hausverstand statt Brüsseler Schablone. Es bleibt zu hoffen, dass seine Kollegen in den anderen Ländern den Brief nicht nur lesen, sondern auch danach handeln. Sonst bauen wir in wenigen Jahren Häuser, die auf dem Papier klimafreundlich sind – und in der Realität nach einem halben Jahrhundert Schrott. Das wäre dann wirklich nachhaltig: nachhaltig dumm.