
Reststoffbasierte, nicht-fossile Kraftstoffe als Chance für die Reduktion von globalen Abhängigkeiten. Vollständige Deckung des EU-Kraftstoff-Bedarfs aus eigenen Ressourcen schon ab 2040 möglich wissenschaftliche Studie belegt Potenzial zur CO₂ Reduktion. Forderung an EU: Anrechenbarkeit erneuerbarer Kraftstoffe deutlich über drei Prozent hinaus zulassen.
Europa steht vor der Aufgabe, Mobilität schnell und wirksam zu dekarbonisieren – und zugleich Wertschöpfung, Versorgungssicherheit und Wahlfreiheit zu sichern. Reststoffbasierte, nicht fossile Kraftstoffe eröffnen hier eine kurzfristig wirksame Chance: Sie können die CO₂-Emissionen der Bestandsflotte und von Neuwagen senken, bestehende industrielle Strukturen in der EU stärken und Abhängigkeiten reduzieren. Eine neue Studie des Karlsruher Institut für Technologie, des Deutsche Biomasseforschungszentrum gemeinnützige GmbH (DBFZ), der FREYBERGER engineering GmbH und der BMW AG zeigt welches Potenzial in Europas Ressourcen steckt.
Motor für Europa: wie Wertschöpfung und Dekarbonisierung Hand in Hand gehen.
In den vergangenen Jahren hat das BMW Group Werk Steyr jährlich rund 1,2 Millionen Verbrennungsmotoren für die globale Kundennachfrage produziert. Klar ist: Der Verbrennungsmotor sorgt aktuell für signifikante Wertschöpfung in der EU, getragen durch
starke Zuliefernetzwerke und hochqualifizierte Beschäftigte. „Die Antriebs- und Fahrzeugproduktion ist ein industrielles Rückgrat in Europa. Nicht-fossile, reststoffbasierte Kraftstoffe unterstützen die europäische Wertschöpfung und reduzieren, neben Elektrofahrzeugen, zusätzlich die CO₂-Emissionen – bei Neufahrzeugen und in der Bestandsflotte“, sagt Harald Gottsche, Werksleiter des BMW Group Werk Steyr.
Aktueller EU-Kurs reduziert den Spielraum für erneuerbare Kraftstoffe.
Die EU verfolgt als klaren Pfad die Elektrifizierung des Individualverkehrs. Auch der im Dezember präsentierte, überarbeitete Plan („Automotive Package“) sieht vor, dass bis 2035 bei 90 Prozent der neuzugelassenen PKW kein CO₂ im Betrieb entsteht – gemessen rein am Auspuff („Tailpipe-Ansatz“). Für erneuerbare Kraftstoffe sind derzeit lediglich drei Prozent Anrechenbarkeit in der Neuwagenflotte vorgesehen. „Wir respektieren die Zielsetzungen der EU und unterstützen den Ausbau der Elektromobilität. Der Tailpipe-Ansatz, also die Messung von CO2 am Auspuff, greift zu kurz, da er die Verfügbarkeit und Nachhaltigkeit des Energieträgers ignoriert. Strom ist nicht automatisch CO2 neutral. Gleichzeitig zeigen Daten, dass erneuerbare Kraftstoffe ein substanzielles Potenzial haben, das wir nutzen sollten.“, betont Gottsche.

Reststoffe als Ressource: Europas Potenzial für nicht-fossile Kraftstoffe
Die genannte Studie untersucht ausschließlich Reststoffe, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen – etwa Siedlungsabfälle oder Nebenprodukte aus der Holzund Forstwirtschaft. Aus diesen Ressourcen ließen sich Diesel- und Benzin-Ersatz-Kraftstoffe wie etwa HVO100 herstellen, mit denen 2030 bereits 38-55 Prozent des Kraftstoffbedarfs gedeckt werden könnten. Bis 2040 sind, abhängig von den unternommenen Anstrengungen, 67-106 Prozent möglich.
Die Studienautorinnen und -autoren sehen die größte Herausforderung in der Nutzbarmachung dieser über Europa verteilten Ressourcen, also konkret im Einsammeln, in der Logistik und der anschließenden Weiterverarbeitung. „Die Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass es immer zu wenig erneuerbare Kraftstoffe geben werde. Jetzt geht es darum, aus Potenzialen Realität zu machen – mit kluger Regulierung und industriellem Hochlauf“, so Gottsche.
Resilienz für Europa und sofort wirksame CO2-Reduktion
Erneuerbare, reststoffbasierte Kraftstoffe ermöglichen eine unmittelbare CO₂-Reduktion in der Bestandsflotte, weil sie in vorhandenen Fahrzeugen ohne lange Vorlaufzeiten wirksam werden.
Sie schaffen eine Option für CO₂-arme Mobilität für PKW-Nutzerinnen und -Nutzer, für die EMobilität derzeit noch keine Option ist. Eine technologieoffene, zielorientierte EU-Regulatorik würde die Wahlfreiheit für Kundinnen und Kunden sichern.
Gleichzeitig verringern nicht-fossile Kraftstoffe geopolitische Abhängigkeiten der EU, denn in der EU stehen weder ausreichend Erdöl noch genügend Rohstoffe für E-Autobatterien zur Verfügung. Und nicht zuletzt helfen sie, die Wertschöpfung und Arbeitsplätze rund um den Verbrennungsmotor in der EU zuhalten.
Alexander Bamberger, Geschäftsführer der BMW Austria GmbH, unterstreicht: „Reststoffbasierte, nicht-fossile Kraftstoffe schaffen einen sofort wirksamen CO₂-Hebel für alle Fahrzeuge, die bereits auf den Straßen unterwegs sind. Für einen starken Industriestandort
brauchen wir beides: elektrisches Fahren und erneuerbare Kraftstoffe.“
Die BMW Group hat ihre Fahrzeuge seit langem für eine Vielzahl regenerativer Kraftstoffe zugelassen: HVO nach EN15940 sowie B10 und eFuels nach EN590 für Dieselmotoren. Außerdem E20/25 sowie eFuels nach EN228 für Ottomotoren. „In Österreich gibt es schon
weit über hundert Tankstellen, an denen HVO getankt werden kann – und es werden laufend mehr. Die Hürde für Kunden wird damit immer kleiner. Was aber noch fehlt ist die politische Akzeptanz,“ ergänzt Bamberger.

Appell an die EU: Rahmenbedingungen anpassen und Potenziale heben
Damit dieses Potenzial gehoben werden kann, braucht es eine Anpassung der legislativen Rahmenbedingungen. Bamberger: „Die EU sollte CO₂-reduzierte Mobilität grundsätzlich anerkennen – unabhängig davon, ob sie in einem strombetriebenen Fahrzeug oder in einem PKW mit erneuerbaren Kraftstoffen erreicht wird. Eine Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus würde den wahren CO₂ Fußabdruck eines Produkts sichtbar machen und die
Effektivität der Regulierung erhöhen. Der aktuelle Ansatz der EU der Messung am Ende des Auspuffs ist irreführend, denn es trägt nicht einmal der Herkunft des Stroms – ob grüner Strom oder Strom aus Kohle oder Gas – bei einem BEV Fahrzeug Rechnung.“
Aus Sicht des Werksleiters des BMW Group Werks Steyr ist eine vollständige Anrechenbarkeit erneuerbarer Kraftstoffe in der Neuwagen- und Bestandsflotte erforderlich, um Investitionsanreize zu schaffen und den industriellen Hochlauf reststoffbasierter Kraftstoffe zu ermöglichen. „Eine pragmatische, lebenszyklusbasierte Regulierung stärkt Klimaschutz, Versorgungssicherheit und europäische Wertschöpfung gleichermaßen“, so Harald Gottsche.
Fotos © BMW Group