
Walter Duranty (geboren am 25. Mai 1884 in Liverpool, verstorben am 3. Oktober 1957 in Orlando, Florida) zählt zu den umstrittensten Journalisten des 20. Jahrhunderts. Als Moskauer Bürochef der New York Times von 1922 bis 1936 prägte er über mehr als ein Jahrzehnt das Bild der Sowjetunion in der westlichen Öffentlichkeit. Sein Wirken gipfelte in der systematischen Verleugnung des Holodomors, der künstlich herbeigeführten Hungersnot von 1932/33, die Millionen Menschen das Leben kostete. Statt seiner beruflichen Pflicht zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung nachzukommen, wurde er zum Apologeten des Stalinismus – und erhielt dafür sogar den Pulitzer-Preis.
Karriere und Aufstieg zum „Doyen“ der Korrespondenten
Duranty studierte am Emmanuel College in Cambridge und begann seine journalistische Laufbahn in Paris und Riga. 1921 ging er in die Sowjetunion. Während der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) hielten sich seine Berichte noch in Grenzen. Mit dem ersten Fünfjahresplan (1928–1933) und der Zwangskollektivierung änderte sich das. Ein Exklusivinterview mit Josef Stalin 1929 steigerte seinen Ruhm enorm. Stalin selbst lobte ihn später dafür, „die Wahrheit über unser Land“ zu sagen.
In einer Serie von Artikeln 1931, für die er 1932 den Pulitzer-Preis für Korrespondenz erhielt, legte Duranty seine Sicht dar: Das russische Volk sei „asiatisch“ und bedürfe einer autokratischen Führung. Die Kollektivierung und die „Liquidierung der Kulaken“ – einer Gruppe, die er auf etwa fünf Millionen schätzte – seien notwendige Maßnahmen, um Klassengegensätze zu beseitigen. Er verglich Stalin mit historischen Gestalten und rechtfertigte die Brutalität des Systems als historisch bedingt. Die Nation pries seine Reportagen als „die erhellendsten, unparteiischsten und lesbarsten Depeschen aus einer großen Nation im Werden“.
Die Verleugnung des Holodomors
Der Höhepunkt von Durantys ethischem Versagen war die Hungersnot 1932/33. Durch Zwangskollektivierung, überhöhte Getreideablieferungen und gezielte Maßnahmen gegen die ukrainische Bauernschaft starben nach heutigen Schätzungen in der Ukraine allein 3,5 bis 5 Millionen Menschen, im gesamten Sowjetreich (einschließlich Kasachstan und anderer Regionen) 5 bis 10 Millionen oder mehr. Zeitgenössische Beobachter wie der waliser Journalist Gareth Jones und Malcolm Muggeridge berichteten von geschwollenen Bäuchen bei Kindern, Kannibalismus und Massensterben. Jones schätzte die Opferzahlen hoch und machte die Katastrophe öffentlich.
Duranty reagierte mit systematischer Leugnung. Im November 1932 schrieb er: „Es gibt keine Hungersnot oder tatsächlichen Hunger, und es wird auch keine geben.“ Im März 1933 konterte er Jones’ Berichte unter der Überschrift „Russians Hungry, But Not Starving“: Es handele sich um eine „große Schauergeschichte“. Zwar gebe es Schwierigkeiten, aber „keine Hungersnot“. Berühmt wurde seine Phrase: „Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen.“ Im August 1933 behauptete er: „Jeder Bericht über eine Hungersnot in Russland ist heute eine Übertreibung oder bösartige Propaganda.“ Gleichzeitig räumte er ein, daß in Provinzen mit über 40 Millionen Einwohnern die Sterblichkeit „mindestens verdreifacht“ worden sei – was auf Millionen Tote hinauslief, ohne dies klar zu benennen.
Privat wusste er es besser. Britischen Diplomaten gegenüber schätzte er die Opfer auf 7 bis 10 Millionen. Muggeridge nannte ihn später „den größten Lügner, den ich in fünfzig Jahren Journalismus getroffen habe“. Andere Korrespondenten bestätigten, daß Duranty die Dimension kannte, sie aber bewusst verschwieg, um seinen Zugang zum Regime und seinen Status zu sichern. Die prestigeträchtige New York Times verstärkte so die Zweifel an den wahren Berichten und trug dazu bei, daß die Katastrophe im Westen relativiert oder ignoriert wurde. Historiker wie Robert Conquest und Sally J. Taylor (Stalin’s Apologist) sehen darin einen zentralen Beitrag zur Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung. Die New York Times nannte seine Berichte erst einige Jahrzente später „einige der schlechtesten Reportagen in dieser Zeitung“. Forderungen, den Pulitzer-Preis rückwirkend zu entziehen, lehnte das Pulitzer-Board 2003 jedoch ab.
Durantys Einfluß reichte weiter: Seine wohlwollende Berichterstattung gilt als ein Faktor für die diplomatische Anerkennung der Sowjetunion durch die USA unter Präsident Franklin D. Roosevelt 1933. Bei einem Bankett für den sowjetischen Außenminister Maxim Litwinow wurde er frenetisch gefeiert.
Louis Fischer und das Netzwerk der Apologeten
Duranty war kein Einzelfall. Louis Fischer (geboren am 29. Februar 1896 in Philadelphia, verstorben am 15. Januar 1970), Korrespondent der Nation, entwickelte sich nach 1923 rasch zum Stalin-Apologeten. Auch er bereiste die Ukraine 1932 und meldete zunächst harte Bedingungen, leugnete aber Hungertote und übernahm später die offizielle sowjetische Linie, wonach „konterrevolutionäre Nationalisten“ und „Wreckers“ (Plünderer und Saboteure) schuld seien. Auf Vortragsreisen in den USA wies er Schätzungen von einer Million Toten in Kasachstan mit der Frage zurück: „Wer hat sie gezählt?“ Er unterstützte die Kollektivierung und die Politik Stalins auch im Spanischen Bürgerkrieg. Trotzki nannte ihn einen „Händler mit Lügen“ und „direkten literarischen Agenten Stalins“. Erst nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 brach Fischer mit dem Stalinismus, wurde Antikommunist und trug zu The God That Failed (1949) bei, wo er den Hungertod mehrerer Millionen eingestand.
Beide Journalisten – Duranty und Fischer – standen exemplarisch für eine Schicht westlicher Intellektueller und Reporter, die das sowjetische Experiment idealisierten, während sie Massenverbrechen relativierten oder leugneten. Zugang, ideologische Sympathie und der Wunsch, nicht als „reaktionär“ zu gelten, wogen für sie schwerer als alle Fakten.
Parallelen zum heutigen medialen Mainstream
Das unethische Wirken Durantys und Fischers ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Es illustriert ein Muster, das in Teilen des heutigen medialen Mainstreams fortlebt: Ideologie ersetzt Faktenprüfung, und eine erkennbare politische Schlagseite – meist sehr klar nach links – führt zu selektiver Wahrnehmung, Relativierung unliebsamer Realitäten und Propaganda statt neutraler Berichterstattung.
Wo Duranty die Opfer der Kollektivierung als notwendigen Preis für den „Fortschritt“ abtat und kritische Stimmen als „bösartige Propaganda“ abtat, finden sich heute vergleichbare Mechanismen. Berichte über Menschenrechtsverletzungen, wirtschaftliche Desaster oder ideologische Fehlschläge in linken oder progressiven Kontexten werden oft heruntergespielt, umgedeutet oder mit Verweis auf „Kontext“ relativiert. Zahlen und Daten, die nicht ins Narrativ passen, werden ignoriert, als übertrieben abgetan, oder gleich geleugnet – ähnlich wie Duranty Millionen Tote privat anerkannte, öffentlich aber bestritt. Der Drang, das eigene ideologische Lager nicht zu schwächen, und die Angst vor dem Verlust von Zugang oder sozialem Status in redaktionellen und ideologischen Blasen ähneln den Motiven der 1930er-Jahre-Korrespondenten.
Die damalige Verklärung der Sowjetunion als „große Nation im Werden“ findet Echo in der unkritischen Begeisterung für bestimmte progressive Projekte oder Regime, bei denen Fakten (Wirtschaftsdaten, Migrationsstatistiken, Gewaltverbrechen, Bildungs- oder Gesundheitsergebnisse) systematisch zugunsten narrativer Kohärenz beiseitegeschoben werden. Wie die Nation und Teile der New York Times damals den Stalinismus als emanzipatorisch darstellten, neigen heute viele Leitmedien dazu, linke Positionen als moralisch überlegen zu rahmen und abweichende Daten als „rechte“ oder „reaktionäre“ Propaganda zu diskreditieren. Die Folge ist dieselbe: Die Öffentlichkeit wird desinformiert, und reale menschliche Kosten werden verschleiert.
Durantys Fall sollte nicht auch, sondern gerade heute eine Mahnung sein: Journalismus, der seiner Pflicht zur Wahrheit nicht nachkommt und stattdessen zur Propagandamaschine einer Ideologie wird, richtet historischen Schaden an. Die Millionen Toten des Holodomors wurden nicht nur von Stalin verursacht, sondern auch durch die willentliche Blindheit und Lügen westlicher Berichterstatter länger im Dunkeln gehalten. Die Zahlen – Millionen Tote, ein Pulitzer-Preis für Verschleierung und öffentliche Leugnung, private Geständnisse von 7–10 Millionen Opfern – sprechen eine klare Sprache.
Eine Medienlandschaft, die Ideologie – gerne als „Haltung“ bezeichnet – über Fakten stellt, wiederholt dieses Muster zu.