
Dumm sterben lassen
„Wissen ist Macht!“, lautet eine der am meisten strapazierten Binsenweisheiten unserer und vergangener Zeiten. Doch noch mächtiger als der Wissende ist derjenige, der die Verbreitung dieses Wissens, den Zugang zum Wissen steuert. Ersetzen wir den Begriff „Wissen“ durch „Information“ haben wir das gleiche Phänomen. Wer die Verbreitung der Information steuert, und nach eigenem Gusto ermöglicht oder beschränkt, hat unbändige Macht. Zumindest, wenn die so kontrollierten Informationen irgendjemanden interessieren. Aber wir gehen nun einmal davon aus, daß die Ergüße politischer Kommunikation mehr Interessenten hat als als das Update zu Tante Gustis Mohnstrudelrezept. Ob nun die Presseaussendung der Ministers X auch mehr Wert für die Menschheit hat als besagtes Mohnstrudelrezept-Update sei einmal dahingestellt. Zweifel sind berechtigt.
Ein wesentlicher Bestandteil der Message-Control ist neben dem „Was“ auch das „Wer“. Die Medien, ihre Jornalisten und Redakteure werden herangezüchtet wie Schoßhunderl. Wenn sie brav sind, bekommen sie die Akkreditierung für Pressekonferenzen, dürfen sie sich der regelmäßigen Presseaussendungen erfreuen. Sollten sie dazu neigen, dann und wann – oder gar permanent – unartig zu sein, versagt sich ihnen der Zugang zu Pressekonferenzen, werden sie bei den Presseaussendungen aus erster Hand einfach einmal übersehen. Und auch sonst werden sie von jeder Information abgeschnitten. Nette höfliche informelle Treffen, bei denen man in lockerer Runde bei Kaffee, G’spritze oder Seidel die Vorgänge in der hohen Politik bespricht, betratscht oder erläutert, sind nur für die Braven reserviert.

Die meisten politisch besetzten öffentlichen Stellen haben irgendeine Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Das ist normal und das ist gut so. Medienvertreter können sich mit Fragen an diese Pressestellen wenden, bekommen Informationen, Unterlagen. Problematisch wird es um diesen wichtigen Informationsfluß, wenn die Damen und Herren der Pressestellen selektiv Informationen weitergeben. Oder eben auch nicht. Gute Medien – viel Information, umfassende Unterlagen, quasi Information PLUS! Böse Medien – kaum, vielleicht gar keine Information, keine Termine, keine Unterlagen.

Ziel ist, man läßt die falschen Medien einfach „blöd sterben“. Und an der Materie interessierte Medienkonsumenten werden irgendwann bemerken, daß sie in den „bösen Medien“ keine Informationen aus der ersten Hand bekommen und werden sie in Zukunft auslassen. Interessanter sind eben dann die „braven Medien“, die mit den Infos immer ein paar Stunden voraus sind, während sich die anderen die Sachverhalte mühsam zusammenrecherchieren müßen. Hört sich unglaubwürdig an? Ist aber so.
Aus guter Erfahrung wissen wir, daß es Parteien gibt, die – egal ob es sich um ihre Parteiangelegenheiten handelt, oder der Parteienvertreter in einem öffentlichen Amt seinen Dienst verrichtet – mit Medien, die nicht zu Gesicht stehen, keinerlei Kommunikation unterhalten. Spätestens zu Wahlkampfzeiten bemerkt man, wer mit wem zu kommunizieren bereit ist. Wir als kleines Medium haben bspw. die Erfahrung gemacht, daß Vertreter der Neos oder der Grünen kein Interesse an einer Pressearbeit mit uns haben. Sogar die KPÖ antwortete auf Anfragen. Meist rasch und ausführlich. Unsere Erfahrungen mit Vertretern von der ÖVP sind vielfältig. Während man aus diversen Landeshauptmannbüros freundliche Antworten bekommt, wird man von einigen Vertretern auf Bundesebene „am Schmäh gehalten“. Man kündigt Statements, Informationen, Wortbeiträge an, die dann nie kommen. Unangenehm, wenn sich ein Medium genau für diese Beiträge Platz und Zeit freihält. Es wirkt wie eine einstudierte Strategie, nicht so lieb gewonnene Medienvertreter ein wenig zu beschäftigen und ihre Ressourcen zu binden. Verwunderlich wäre das nicht. Aus unserem kleinen Erfahrungsschatz können wir zwischenzeitig doch einige Schlüße ziehen… Ohne die Öffentlichkeitsarbeit diverser Parteienvertreter und Regierungsvertreter aller Ebenen und aller politischer Richtungen bewerten zu wollen, erlauben wir uns doch festzuhalten, daß wir bislang die vernünftigsten Erfahrungen mit den Personalbesetzungen von SPÖ und FPÖ hatten.

Nach diesem kleinen Ausflug in die Erfahrungen der Gazette Oesterreich wollen wir Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, nahe legen, daß sie die Idee des kontrollierten Informationsflusses mit in die Beurteilung von Berichten, Artikeln und Beiträgen über die Großen und Mächtigen des Landes und der Welt fließen lassen. Viele „kleine“ Medien haben mehr Recherche, weil sie eben nicht die „Braven“ sind. Und durch diese Recherche kommen dann wieder Informationen ans Tageslicht, die eben diesen Großen und Mächtigen nicht besonders gefallen. Aber das wäre eigentlich die Arbeit von Medienvertretern. Recherchieren. Und wenn der durchschnittliche Journalist oder Redakteur vor der Wahl steht zwischen dem kalten Buffet und einem lächelndem Pressesprecher und harter Recherche mit viel Kopfweh, sollte er wissen, wofür er sich entscheidet.
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