Die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Lehren, die nicht daraus gezogen wurden

Am 11. September 2026 jährt sich zum fünfundzwanzigsten Mal der Tag, an dem die westliche Welt in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Die Anschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, bei denen knapp 3000 Menschen ums Leben kamen, markieren bis heute eine Zäsur. Sie waren der vorläufige Höhepunkt islamistischen Terrors gegen den Westen und lösten politische, gesellschaftliche und sicherheitspolitische Entwicklungen aus, deren Folgen wir noch immer spüren. Ein nüchterner Rückblick ist geboten – ohne Pathos, ohne Verharmlosung und ohne die üblichen Floskeln, die den Blick auf die Realitäten verstellen.

Die massiven Terroranschläge waren in ihrer konkreten Form nicht vorhersehbar, wohl aber in ihrer grundsätzlichen Wahrscheinlichkeit. Al-Kaida und die Gruppierungen um Osama Bin Laden hatten längst klargemacht, daß sie den Westen, insbesondere die USA, als Feind betrachteten und angriffen. Der Anschlag auf den Zerstörer USS Cole im Hafen von Aden im Oktober 2000, bei dem 17 amerikanische Seeleute starben, war nur eines von mehreren exemplarischen Beispielen. Frühere Attentate auf amerikanische Einrichtungen in Afrika und anderswo hatten das Muster bereits gezeigt: gezielte, durchaus organisierte Gewalt gegen westliche Symbole und Menschen. Die Gefahr durch islamistische Extremisten wurde maßlos unterschätzt. Geheimdienste und politische Entscheidungsträger verfügten über Hinweise, doch die Vorstellung, daß eine solche Operation mitten im Herzen der Vereinigten Staaten gelingen könnte, erschien vielen undenkbar. Man vertraute auf die eigene Überlegenheit und unterschätzte die ideologische Entschlossenheit und die organisatorischen Fähigkeiten der Täter.

Die Anschläge des 11. Septembers stellten in der westlichen Welt einen vorläufigen Höhepunkt des Schreckens und der Aufmerksamkeit dar. Das lag nicht allein an der hohen Opferzahl. Entscheidend war der unerwartet hohe organisatorische Grad, der hinter diesen Taten stecken mußte: die Koordination mehrerer Teams, die Ausbildung der Attentäter, die Nutzung ziviler Flugzeuge als Waffen und die Auswahl der Ziele. Vor allem aber waren die Tatorte mitten im Westen. Nicht in einem fernen, kaum bekannten Land mit unbekannter Sprache und Kultur, sondern in Städten, die jeder zumindest oberflächlich kennt. New York und Washington erscheinen täglich in Nachrichten, Filmen, Büchern, Liedern und Reportagen. Sie sind Teil des kollektiven westlichen Bildes. Kinshasa, immerhin eine Hauptstadt mit 16 Millionen Einwohnern, kennt hingegen kaum jemand. Es fehlt der Bezug. Mehrere Tausend Todesopfer eines Terroranschlags an einem Ort ohne diese mediale und kulturelle Nähe würden in der westlichen Welt weit weniger Aufsehen erregen. Die Bilder der einstürzenden Türme, der fliehenden Menschen und der rauchenden Ruinen prägten sich ein, weil sie mitten in der vertrauten Welt stattfanden.

Die direkten politischen, geheimdienstlichen und militärischen Reaktionen waren nachvollziehbar und im ersten Moment sicher nicht ganz falsch. Die USA und ihre Verbündeten sahen sich einem klaren Aggressor gegenüber und handelten. Spätestens nachdem man Überblick über den Sachverhalt hatte, hätten jedoch gezielte Maßnahmen gegen den Aggressor, seine Unterstützer, Verbündeten und sein Umfeld Vorrang haben müssen. Stattdessen wurde der Terroranschlag als Vorwand genutzt, um auf Basis falscher Behauptungen den unbeteiligten Irak anzugreifen. Die Folgen waren verheerend: Die Region wurde nachhaltig destabilisiert. Der sogenannte „Arabische Frühling“, der in Teilen der westlichen Medien als Aufbruch zur Demokratie gefeiert wurde, zündete in Wahrheit die Bomben islamistischer Umstürze. In mehreren Ländern übernahmen oder beeinflußten radikale Kräfte die Macht, Bürgerkriege tobten, und massive Migrationsbewegungen setzten ein. Diese Bewegungen wurden in Europa – völlig an der Realität vorbei – als „Flüchtlingskrisen“ bezeichnet, obwohl sie in erheblichem Maße von den Destabilisierungsprozessen und den ideologischen Netzwerken mitverursacht und begünstigt wurden, die aus dem Chaos der Nach-Irak-Zeit und den Umstürzen hervorgingen.

Ein nach wie vor gravierendes Problem im Umgang mit den aus den Anschlägen des 11. September erwachsenen islamischen und islamistischen Bewegungen ist der einfältige, kindliche und völlig törichte Umgang und Zugang der Politiker und Eliten des Westens mit diesem bedrohlichen Phänomen. In Sitzkreisen, Talkshows und Expertenrunden westlicher Medien, Parlamente und Entscheider-Gremien debattiert man unentwegt über den Umgang mit Muslimen, mit Terroristen, darüber, ob der Islam Teil Europas sei und welchen angeblichen Nutzen man auf sozialer, ökonomischer und kultureller Ebene durch die von islamistischen Operationen nicht gerade ausgelöste, aber doch unterstützte Massenmigration habe. Völlig faktenbefreit kommen selbsternannte Experten dann zum Schluß, daß dem Islam lediglich die Zeit der „Aufklärung“ und „Reformation“ fehle, wie sie im Christentum vor gut fünfhundert Jahren begann. Man geht davon aus, daß sich dadurch die Religion Islam – die an sich mehr Gesellschaftsplan und Gesellschaftsordnung mit ritualisierten religiösen Handlungen darstellt als jede andere abrahamitische Religion – liberalisieren und den Kern dieser Religion, den umfassenden religiösen Machtanspruch über die gesamte Menschheit, ablegen würde.

Man übersieht dabei, daß sich die islamische Gesellschaft tatsächlich seit gut hundert Jahren in einer Art Reformation befindet. Allerdings beschreitet sie dabei einen anderen Weg als die christlichen Gesellschaften Europas im Zeitraum vom 16. zum 18. Jahrhundert. Während man in den europäischen christlichen Gesellschaften dieser Zeit die Religion und die Kirchen in ihren Machtansprüchen und Einflüssen an die Gegebenheiten und Notwendigkeiten des Lebens der Menschen, an die Lebensrealitäten und politischen Umstände anglich, arbeiten unzählige Personen, Vereine, Gemeinschaften, Glaubensvertreter und Politiker in der muslimischen Welt daran, die Lebensumstände der Menschen wieder in Richtung der Vorgaben des Islam zu adaptieren. Der Islam unterliegt also einer Reformation – allerdings in die entgegengesetzte Richtung. „Back to the roots“ scheint das Credo der islamischen Reformer zu sein: eine Rückbesinnung auf die Ursprünge, die Stärkung der religiösen Vorschriften im Alltag, in Recht, Gesellschaft und Politik. Wer das ignoriert und weiterhin von einer bevorstehenden westlichen Aufklärung träumt, verkennt die Dynamik völlig.

Eine wehrhafte, an der eigenen Existenz ansatzweise interessierte westliche Gesellschaft muß den Mut aufbringen, das „Anderssein“ des Islam zu akzeptieren und sich damit abfinden, daß es auch besser sein kann, wenn eine Gesellschaft – die westliche beispielsweise – sich von einer anderen Gesellschaft – der muslimischen beispielsweise – abgrenzt und sie in Frieden läßt. Der stete Drang, die eigenen Wertevorstellungen in andere Gesellschaften einzuführen und sie vorzuschreiben – so löblich die Intention dahinter auch sein mag – führt zu Konflikten, die am Ende zur Auslöschung der weniger gewaltbereiten und gewaltgewöhnten Gesellschaft führen werden. Frieden durch Abgrenzung und Realismus ist keine Feindseligkeit, sondern kluge Selbstbehauptung. Die Illusion der grenzenlosen Integration und der kulturellen Konvergenz hat sich in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren als brandgefährlich erwiesen.

Fünfundzwanzig Jahre nach dem 11. September stehen wir vor denselben Herausforderungen, nur in veränderter Form. Der Terror hat sich weiterentwickelt, Netzwerke haben sich angepaßt, aber die ideologischen Grundlagen bleiben. Die Opfer von damals verdienen, daß wir die Lehren ernst nehmen: die ständige Unterschätzung der Gefahr, die fürchterlichen Fehlschläge der Folgepolitik, die naive Debatte über den Charakter des Islam und die Weigerung, kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede klar zu benennen und anzuerkennen. Ein wehrhafter Westen braucht keinen Haß und keine pauschalen Verurteilungen. Er braucht Klarheit, Realismus und den Willen, die eigene Lebensweise zu schützen, ohne sie anderen aufzwingen zu wollen. Nur so läßt sich verhindern, daß der Schrecken von damals in neuer Gestalt wiederkehrt.

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