
Vor ziemlich genau 50 Jahren, im Herbst 1976, stürmten die Sex Pistols mit „Anarchy in the U.K.“ die britischen Charts. Das Narrativ des medialen Mainstreams, der „etablierten Medien“ und der ihnen zuflüsternden linken Kulturverwalter lautet bis heute: Hier begann eine neue Ära jugendlicher Rebellion, die das Establishment erschütterte, die Klassengesellschaft attackierte und die Gesellschaft für immer veränderte. Das ist natürlich Unfug. Denn bei nüchterner Betrachtung mit Fakten, Daten und historischen Zusammenhängen zeigt sich ein gänzlich anderes Bild:
Punk war eine kurze, authentische Provokation der britischen Unterschicht – und wurde fast sofort von sehr tüchtigen Geschäftsleuten (die nicht aus der britischen Unterschicht kamen) kommerzialisiert. Sein „Tod“ war bereits programmiert, als die ersten Plattenverträge unterschrieben wurden. Was folgte, war oft nur noch Posing, Marketing und Ideologisierung.
Die Sex Pistols – John Lydon (besser bekannt als Johnny Rotten), Steve Jones, Paul Cook und zunächst Glen Matlock, später Sid Vicious – kamen tatsächlich aus der „working class“. Sie kannten die harten Lebensumstände im England der 1960er und 1970er-Jahre: die faktische Klassen-Gesellschaft, hohe Arbeitslosigkeit, soziale Verwerfungen, alleinerziehende Mütter mit mehreren schlecht bezahlten Jobs. Manager Malcolm McLaren und Vivienne Westwood nutzten das geschickt für Schock-Image und Mode. Doch schon die ersten Erfolge brachten Widersprüche, die professionell ausgeschlachtet wurden: Die BBC weigerte sich, die Band zu spielen, EMI kündigte den Vertrag, A&M tat es ebenso. Virgin Records sprang ein – und verdiente. „God Save the Queen“ erschien pünktlich zum silbernen Thronjubiläum 1977, erreichte angeblich Platz 1 (offiziell Platz 2). Das legendäre Boot-Konzert auf der Themse anläßlich dieser „monarchischen Feier“ endete mit Polizeieinsatz und Festnahmen. Provokation pur. Punk pur.
Aber die großen Plattenfirmen und Händler rochen schnell das Geld. Zerrissene Jeans, Sicherheitsnadeln und selbst designtes Chaos wurden schnell zur Konfektionsware. Für gutes (und teures) Geld konnte man sich zerrissen-geflickte Hosen mit einer absurd hohen Anzahl darauf angebrachter Reißverschlüße, häßliche (natürlich ebenfalls zerrissene) T-Shirts oder Lederjacken mit so vielen Nieten, dass man unter dem Gewicht zusammenzubrechen drohte, in „Szene-Shops“ käuflich erwerben.
Der dadaistische, kreative Geist der Do-it-yourself-Kultur – selbstgemachte Mode, Fanzines, Ablehnung jeglichen Establishments – war endgültig verpufft. Stattdessen sprudelten die Einnahmen. Der Punk wurde vermarktet, seine Rebellion zum Produkt. Punk war plötzlich geil, weil er reich machte! Genau das, was die Ursprungs-Punks verachtet hatten.
John Lydon selbst, der einstige Johnny Rotten, äußert sich Jahrzehnte später ernüchtert. Er zeigt sich entsetzt über die Geschäftemacherei und vor allem die Verlogenheit der Linken. Besonderes Aufsehen erregte seine Aussage, dass heute die Konservativen für Meinungsfreiheit stünden, während die in Eigendefinition „Progressiven“ und „Liberalen“ Verbote und Regulierungen von Leben und Meinungen nicht nur forderten, sondern immer mehr und mehr durchsetzten. Die Konservativen seien nun „die Coolen“. Lydon unterstützte den BREXIT und äußerte Verständnis für Trump-Wähler – als Mann der „working class“, der die Entfremdung der Eliten von den Realitäten der Straße kennt. Er bleibt Individualist und lehnt es ab, sich in Schubladen stecken zu lassen. Damit hat wenigstens er den Geist der Rebellion in sich gewahrt.
In Deutschland kam Punk später an – als er in Großbritannien bereits Schnee von gestern war. Dort machte man mit „New Wave“ und „Two Tone“ bereits neue Millionen.
Die wahrscheinlich berühmteste deutsche Punk-Band, „Die Toten Hosen“ (gegründet 1982 in Düsseldorf), verkörpert die Antithese zur ursprünglichen Rebellion. Frontmann Andreas Joachim Wolfgang Konrad Frege alias „Campino“ stammt nicht aus der abgehängten Unterschicht, sondern aus gutbürgerlichem Haus: Enkel eines britischen Labour-Parlamentariers, zweisprachig aufgewachsen, Abitur, Zivildienst. Die Band baute ein professionelles Marketing-Imperium auf – nicht nur Musik, sondern Fanartikel, Marke, eigene Vermarktung über JKP GmbH & Co. KG (kurz für Jochens kleine Plattenfirma).
Campino erhielt 2024 eine Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und hielt Vorlesungen zur Punk-Bewegung mit dem klangvollen Titel „Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik“ und „Alle haben was zu sagen“. Kritiker sehen darin eine stark ideologisierte, ins Groteske abgleitende Interpretation, die eher Herrn Freges Wunschvorstellungen als den harten Realitäten der britischen working class und der Geschichte des Punk entspricht.
Statt Konfrontation mit dem Establishment suchte Campino augenscheinlich dessen Nähe: Er nahm am Staatsempfang für König Charles III. in Berlin teil, erschien im Frack und ließ sich fotografieren. Im Gegensatz zu manchen dort ebenfalls vertretenen Politikern wusste er wenigstens, wie man einen Frack richtig trägt. Die „Sex Pistols“ hatten 1977 beim Queen-Jubiläum noch die Polizei auf dem Hals – Campino schüttelte dem König die Hand. Das Establishment liebt ihn, und er engagiert sich brav bei diversen Kampagnen.
Punk? Rebellion? Glaubwürdigkeit? Lächerlich!
Der musikalisch logische und authentischere Nachfolger des Punk war „oi!“. Entstanden Anfang der 1980er in Großbritannien als Streetpunk für die Arbeiterjugend, die den kommerzialisierten Punk als zu lasch, zu unehrlich empfand. Bands wie Angelic Upstarts, Buzzcocks, The Business, Cockney Rejects, Cock Sparrer, Sham 69, The 4Skins, Toy Dolls oder Peter & the Test Tube Babies thematisierten das echte Leben: harte, schlecht bezahlte Arbeit, oder gleich Arbeitslosigkeit, Fußball, Kneipe, Alltag auf der Straße. Viele Songs schafften Chart-Platzierungen, Auftritte in „Top of the Pops“ auf BBC. Sie galten als glaubwürdig, prollig, realistisch, echt.
Die Band „The 4Skins“ landeten mit ihrem Album „The Good, the Bad and the 4Skins“ in den UK-Charts. Ihr Song „One Law for Them“ thematisiert „Two-Tier-Justice“ – Parallelen zu heutigen Debatten um unterschiedliche Maßstäbe im Umgang der Polizei und der Justiz mit den Bewohnern der britischen Inseln sind unübersehbar. „oi!“ war gesellschaftskritisch, aber weitgehend unideologisch, wenngleich es an den Rändern (links genauso wie rechts) auch politische Radikalismen gab. Im deutschsprachigen Raum kennt man diese Bands oft nicht einmal dem Namen nach. Stattdessen wird die Geschichte des Punk nach Wünschen des Establishments umgeschrieben, „oi!“ totgeschwiegen oder diffamiert.
Punk veränderte musikalisch viel: einfache Akkorde, roher Sound und das „Do It Yourself“-Ethos beeinflussten zahllose Genres.
Aber veränderte Punk etwas gesellschaftlich? Nein. Die Klassengegensätze bestanden weiter. Und soziale Mobilität für die Kids der „working-class“ blieb Illusion.
Die Rebellion wurde zum Lifestyle-Produkt, später zum Instrument linker Kulturhegemonie. Die echten Stimmen der Straße – hart, direkt, ohne Feinschliff – passten nicht ins Konzept und wurden rasch marginalisiert.
50 Jahre später zeigt sich: Die wahre Provokation liegt nicht in gefälliger Pose mit Gastprofessur und Frack, sondern in der ungeschminkten Realität. John Lydon hatte es erkannt und lebt es noch immer.
Die Toten Hosen und ihre Nachahmer verkörpern den Triumph des Marketings über den Geist der Rebellion. Punk starb nicht an Zensur, sondern am (kommerziellen) Erfolg – und an seiner Vereinnahmung. „oi!“ blieb näher dran.
Die Geschichte der lauten Musik mit den garstigen Texten wird umgeschrieben, aber die Fakten bleiben.