
Wir basteln ein Narrativ
Ein Narrativ in der politischen Kommunikation ist – wenn man Wikipedia Glauben schenkt – ein diskursives Muster, das Wählerinnen und Wählern ein Identifikationsangebot unterbreitet. Sehr schön definiert. Könnte man meinen.
Wir gehen – bevor wir ein seit langem mit Fleiß verbreitetes Narrativ genauer betrachten – etwas weiter. Grundsätzlich sind Narrative kein Phänomen oder politisches Werkzeug der neueren Zeit und sie haben auch nicht zwangsweise etwas mit Wahlkampf oder einer Willensbildung in einem demokratischen System zu tun. Es geht um Beeinflussung der Meinungsbildung und um Beeinflussung der Wahrnehmung. Durch eine entsprechend beeinflußte Wahrnehmung werden dann die vom Urheber des Narrativs gewünschten Entscheidungen durch den Bürger oder Wähler getroffen. Das ist in Diktaturen genauso notwendig wie in Demokratien. Denn der Bürger – egal ob zur Partizipation in politischen Entscheidungen ermächtigt oder nicht – soll den Wunsch und die Linie der Regierenden nach seinen Möglichkeiten unterstützen. So der Wille der „Mächtigen“.
Ein gutes politisches Narrativ muß so halbwegs nachvollziehbar sein. Das bedeutet nicht unbedingt, daß es in der Realität meßbar und so auch beweisbar sein muß. Nein, in der Praxis heißt dies, daß es in den Schwall der anderen mit dem Thema korrespondierenden Nachrichten paßt. Die von der Urheberseite gesandten Nachrichten oder Informationen sollen sich nicht widersprechen. So weit so klar. Wichtig ist zudem bei einem politischen Narrativ, daß der Empfänger, also der Bürger aus der Botschaft des Narrativs einen Vorteil für sich herleiten kann. Selbst wenn das Narrativ nichts anderes ist, als das Runtermachen oder Diffamieren einer vom Urheber unerwünschten Menschengruppe. Dann wäre das Ziel des Narrativs, daß sich der angesprochene Bürger auf die Seite der „Guten“ schlägt und ebenfalls die unerwünschte Menschengruppe ausschließt. Der Benefit für den Bürger ist, daß er sich moralisch besser, oder sonst irgendwie erhaben fühlen darf. Man gehört zu den Guten, nicht zu „denen“.

Die vergangenen Jahre der Corona-Krise war gespickt von Narrativen mit dem Zweck der Ausgrenzung. Und die meisten Medien spielten dieses Spiel widerspruchslos mit. In den letzten Wochen und Monaten kamen immer mehr Informationen zutage, die leider belegen, daß viele Regierungen und Verantwortliche wider besseren Wissens Entscheidungen trafen, mit denen sie den regierungskritischen Teil der Bevölkerung benachteiligten und auch noch öffentlich diffamierten. Eines dieser Narrative war, daß Kinder eine tödliche Gefahr für ihre Großeltern darstellen würden. Ein weiteres Narrativ betraf die Wirksamkeit von Impfungen. Lange war es verpönt, überhaupt nur zu sinnieren, ob die Impfung eine Ansteckung verhindern könne. Ebenfalls tabu war die Überlegung, ob sie eine Erkrankung verhindere. Und noch heute ist es schier unmöglich in einem den Regeln zivilisierter Diskussionskultur ansatzweise entsprechenden Diskurs das Thema der Impfnebenwirkungen zu besprechen. Die Schlagwortansammlung zu den Narrativen sind nach wie vor im Gedächtnis und haben sich im Guten wie im Üblen ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt: „Die Impfung ist der Gamechanger!“ „Die Impfung ist sicher und wirkt!“ „Der Lockdown schützt!“ „Die Ungeimpften sind schuld am Lockdown!“
Längst mußte den Verantwortungsträgern, allen voran dem österreichischen Gesundheitsminister und dem Bundeskanzler, bekannt gewesen sein, daß ihr Narrativ von der sicheren Impfung und der Gefährlichkeit der Ungeimpften ein Schmarrn war. Doch sie konnten und wollten die Fehler ihrer Einschätzung nicht zugeben und blieben bei ihrem Kurs. „Ungemütliche Weihnachten!“ „Die Zügel anziehen!“
Zum Schaden aller Menschen wurde auf einem Standpunkt beharrt, von dem die Damen und Herren wissen mußten, daß er grundfalsch ist, und die daraus resultierenden sozialen und ökonomischen Schäden enorm sein werden. Sollten sich die Damen und Herren dessen nicht bewußt gewesen sein, wäre es eine vielleicht sogar größere Katastrophe. Denn dann wären sie zur Führung des Amtes komplett unpassend. Sie wären schlicht unfähig.

Interessant, faszinierend, ja entsetzlich ist nun die Erkenntnis, daß das neben diesen Aussagen und Stehsätzen aufgebaute Kernnarrativ immer noch seine Wirkung und Stärke bei Nachfrage mit den Bürgern zeigt:
„Wir sind gut durch die Pandemie gekommen!“
Zahlen, Fakten, Insolvenzen, gesellschaftliche Spaltung schreien laut: „NEIN, das sind wir nicht!“ Dem Vergleich mit ähnlichen Ländern hält Österreich hinten und vorne nicht stand. Doch nun, als man der Reihe nach die vergangenen Fehler entdeckt und es nicht mehr zu verhindern ist, daß sie öffentlich werden, stellen sich der Reihe nach Verantwortliche – Manche Menschen sprechen von Schuldigen. – hin und rechtfertigen ihr Fehlverhalten mit dem Narrativ „Wir sind gut durch die Pandemie gekommen!“. Daß sie damit jede Logik mit Füßen treten, ist den Urhebern, den Sendern dieses Narrativs wieder völlig egal. Denn das die nun stückweise eingeräumten Fehler und Irrtümer sind nicht nur das Symptom, sondern der Beweis und Beleg dafür, daß man eben nicht gut durch die Pandemie kam. Als würde ein Unfalllenker neben seinem zum Totalschaden verkommenen Fahrzeug stehen und dann behaupten, daß seine Fahrweise notwendig war, damit das Auto unbeschädigt bleibt. Totalschaden. Unbeschädigt.

Was fehlt, ist die kritische Nachfrage der Medien. Der öffentlich-rechtliche ORF glänzt – wie immer – mit Kritiklosigkeit. Allerdings hat auch genau dieser ORF die ganze Zeit dieses Spiel der Stärkung sinnloser Narrative mitgespielt. Das Gleiche gilt für beinahe alle großen Medienhäuser. Besonders skandalös waren die Maßnahmen, die in sozialen Medien getroffen wurden, um das Narrativ zu stärken und jeden Kritiker verstummen zu lassen.
Sollte unsere Gesellschaft den Wunsch verspüren, aus den Fehlern zu lernen, ist es allerhöchste Zeit, die begangenen Fehler nicht nur zuzugeben, sondern detailliert aufzuarbeiten und bei den Beschimpften, den Geschädigten, den Diffamierten und den Beleidigten um Verzeihung zu bitten. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der noch immer der falsche Weg gerechtfertigt wird, das verlogene und schädliche Narrativ aufrecht erhalten und gestärkt wird, ist schreckenserregend brutal, kaltblütig und falsch!

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