
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 markiert eine Zäsur in der deutschen Landespolitik. Die AfD unter Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wurde mit einem vorläufigen Endergebnis von 43,8% der Zweitstimmen klar stärkste Kraft und verdoppelte ihr Ergebnis von 2021 (20,8%) um rund 23 %-Punkte. Die bisher regierende CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzte auf 17,2% ab – ein historischer Tiefpunkt und nahezu eine Halbierung gegenüber 37,1% vor fünf Jahren. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 77,8% (vorläufig; teilweise Angaben bei 78,1%) einen Rekordwert seit der Wiedervereinigung und lag deutlich über den 60,3% von 2021.
Die Sitzverteilung im 83 Sitze umfassenden Landtag (absolute Mehrheit bei 42 Sitzen) sieht vorläufig so aus: AfD 39 Mandate, CDU 15, SPD, Grüne und Linke jeweils 8, BSW 5. Die AfD verpaßte die absolute Mehrheit damit knapp; die übrigen Parteien kommen zusammen auf 44 Sitze. Fast alle 41 Direktmandate gingen an die AfD, lediglich einzelne in Magdeburg und Halle an die Linke. Die FDP scheiterte mit 2,6% klar an der 5%-Hürde und flog aus dem Parlament (2021: 6,4%). Das BSW zog mit 5,3% knapp ein. SPD 9,3% (leichtes Plus), Grüne 8,9% (bestes Landtagsergebnis in Sachsen-Anhalt), Linke 8,6% (Verluste).

Prognosen versus Realität
Vor der Wahl hatten Umfragen die AfD bereits klar vorn gesehen, allerdings unter dem finalen Ergebnis. Die letzte Forschungsgruppe-Wahlen-Umfrage (ZDF, Anfang September) sah die AfD bei 41%, CDU 23%, Linke 11,5%, SPD 8,5%, Grüne 6%, BSW und FDP unter 5%. INSA-Umfragen lag die AfD teils bei 42% – 43%, CDU bei 22%. Infratest dimap (Ende August): AfD 42%, CDU 22%. Die tatsächlichen Ergebnisse übertrafen die Prognosen bei der AfD (43,8%) und brachten der CDU noch stärkere Verluste. BSW und Grüne schnitten besser ab als erwartet; die hohe Mobilisierung und der Anstieg der Wahlbeteiligung um rund 17,5 %-Punkte trugen wesentlich zum AfD-Ergebnis bei. Erste Prognosen und Hochrechnungen am Wahlabend lagen bei 44% – 44,5% für die AfD und 17% – 18% für die CDU – das vorläufige Endergebnis bestätigte den klaren Abstand.
Der starke Anstieg der Beteiligung korreliert mit dem AfD-Ergebnis – ein Muster, das Beobachter auch bei anderen Wahlen im deutschsprachigen Raum feststellen: Höhere Beteiligung ging in der Vergangenheit oft mit stärkerem Zuspruch für oppositionelle oder protestorientierte Kräfte einher, während niedrigere Beteiligung etablierte Kräfte relativ begünstigen konnte.
Reaktionen der Spitzenvertreter
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund feierte: „Wir haben genau das geschafft, was wir schaffen wollten: Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben.“ Er sprach von einem klaren Zeichen und streckte die Hand für Gespräche aus – allerdings nur an Kräfte, die eine „grundsätzliche politische Kehrtwende“ mittragen wollten. Themen wie Migration und innere Sicherheit seien nicht verhandelbar. Eine Minderheitsregierung schloß er aus. AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel nannte das Ergebnis „historisch“ und einen „ganz klaren Regierungsauftrag“. Co-Vorsitzender Tino Chrupalla erklärte, Siegmund werde neuer Ministerpräsident. Die Brandmauer-Politik sei gescheitert.
CDU-Ministerpräsident Sven Schulze gratulierte dem Wahlsieger und räumte eine „Niederlage“ und ein „richtig niederschmetterndes“ Ergebnis ein. „Manche sagen, das wäre ein schwarzer Tag für Sachsen-Anhalt. Ich sage: Das ist Demokratie.“ Eine Zusammenarbeit mit der AfD lehnte er klar ab: „Ich habe nicht vor, mit der AfD zusammenzuarbeiten.“ Die CDU müsse das Ergebnis aufarbeiten.
Vertreter von SPD, Grünen und Linken sprachen von einem schwierigen oder „schwarzen Tag“ für Sachsen-Anhalt und die Demokratie. Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz nannte die Zahlen „besorgniserregend“ und verwies auf Ängste bestimmter Bevölkerungsgruppen. Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern zeigte sich „vor allem über den blauen Balken sehr enttäuscht“. SPD-Vertreter betonten Stabilität ihrer Partei auf niedrigem Niveau und signalisierten Bereitschaft, eine Regierung ohne AfD mitzutragen. FDP-Landeschefin Sylvia Hüskens kündigte ihren Rücktritt an. Das BSW zeigte sich teilweise offen für Sachgespräche.

Brandmauer und Regierungsoptionen
Trotz des klaren ersten Platzes der AfD und der höchsten Zustimmung der Wahlberechtigten beharren CDU, SPD, Grüne und Linke auf der Ablehnung jeglicher Koalition oder Tolerierung. Alle etablierten Parteien hatten im Wahlkampf und danach die sogenannte Brandmauer bekräftigt. Eine Regierung gegen die AfD würde ein Bündnis der übrigen Fraktionen erfordern – rechnerisch möglich (44 Sitze), politisch und inhaltlich jedoch höchst konfliktträchtig. Die AfD sieht darin den Versuch, den Wählerwillen zu unterlaufen. Kritiker dieser Haltung sprechen von einem Zusammenschluß etablierter Kräfte, der den klaren Sieger um die Regierungsbildung bringt und die Bürger, die mit hoher Beteiligung und deutlicher Mehrheit für die AfD gestimmt haben, faktisch aushebelt. Der Wahlkampf war von scharfen Attacken und einer intensiven Auseinandersetzung mit der AfD geprägt; die Reaktionen nach der Wahl – von „schwarzer Tag“ bis zu Warnungen vor demokratischen Gefahren – wurden von AfD-Vertretern und Beobachtern als demokratiepolitisch problematisch und geschmacklos kritisiert, da sie den Wählerauftrag relativieren.
Die hohe Wahlbeteiligung unterstreicht die Legitimation des Ergebnisses. Ähnliche Muster – steigende Beteiligung und Zugewinne protestorientierter Parteien – zeigten sich etwa bei der österreichischen Nationalratswahl mit der FPÖ. Das vorläufige Ergebnis steht; die endgültige Feststellung und die Sondierungen zur Regierungsbildung stehen bevor. Sachsen-Anhalt steht vor einer schwierigen Phase, in der der Konflikt zwischen klarem Wahlsieger und der Ablehnung einer Regierungsbeteiligung der stärksten Kraft die politische Stabilität belasten wird.
44 Prozent – und trotzdem nicht regieren?
Die AfD ist in Sachsen-Anhalt mit rund 44 Prozent der Stimmen mit großem Abstand stärkste Kraft geworden. Trotzdem könnte am Ende eine Regierung aus CDU, SPD, Grünen, Linken und möglicherweise BSW entstehen – eine Koalition, deren größter gemeinsamer Nenner nicht ein gemeinsames politisches Programm wäre, sondern die Verhinderung der AfD.
Rechtlich wäre das vollkommen legitim. Demokratie bedeutet nicht, dass automatisch die stärkste Partei regiert. Aber politisch stellt sich eine andere Frage: Was bedeutet es für die Demokratie, wenn 44 Prozent der Wähler ihre Stimme einer Partei geben und diese anschließend durch ein Bündnis nahezu aller anderen Parteien von der Regierungsverantwortung ferngehalten wird?
Natürlich darf jede Partei eine Zusammenarbeit mit der AfD ablehnen. Aber Demokratie besteht nicht darin, nur jene Wahlergebnisse zu akzeptieren, die einem gefallen. Sie besteht gerade darin, auch mit unbequemen Wahlergebnissen umzugehen.
Eine solche „Anti-AfD-Koalition“ könnte deshalb zum Bumerang werden. Wenn fünf Parteien, die bei Migration, Wirtschaft, Energie, Sozialpolitik und Gesellschaft teilweise völlig unterschiedliche Vorstellungen haben, jahrelang nur durch das gemeinsame Ziel zusammengehalten werden, die stärkste Partei draußen zu halten, ist ihre politische Stabilität fraglich.
Vor allem aber könnte bei den AfD-Wählern der Eindruck entstehen: Meine Stimme wird gezählt – aber sie soll politisch nichts bewirken.
Das könnte eine Niederlage des Vertrauens in die Demokratie werden.
Denn 44 Prozent der Wähler verschwinden nicht dadurch, dass man ihre Partei von der Regierung fernhält.
Wer die AfD politisch bekämpfen will, sollte deshalb nicht versuchen, ihre Wähler auszuschalten, sondern ihnen überzeugende Alternativen anbieten. Alles andere könnte die AfD am Ende nur noch stärker machen.