Wenn der Souverän „Geht!“ ruft und die Regierung „Wir bleiben!“ antwortet

(Sehr selektive) Zusammenfassung des Geschehens ohne Höflichkeiten

Ein Kommentar.

Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Leserinnen und Leser, der Nationalrat tagte diese Woche, und wer noch an die Kraft der parlamentarischen Kontrolle glaubte, mußte sich leider wieder einmal eines Besseren belehren lassen. Zwei Szenen prägten die Sitzung: die Abstimmung über die Abschaffung jener Paketabgabe, die ÖVP und Neos noch vor wenigen Tagen als „echten Murks“ geißelten, und der Mißtrauensantrag der Freiheitlichen gegen die gesamte schwarz-rot-pinke Bundesregierung. Beide Abstimmungen endeten, wie man es von einer Koalition erwartet, die den Wählerwillen mittlerweile für eine lästige Randnotiz hält: mit dem Triumph des Beharrens. Die Mehrheit aus Regierungsparteien und Grünen schmetterte den Mißtrauensantrag ab, und ÖVP sowie Neos stimmten brav gegen die Abschaffung jener Steuer, die sie selbst mitbeschlossen und anschließend lautstark verdammt hatten. So wird Glaubwürdigkeit zur schwindenden Verhandlungsmasse, und der Souverän darf staunend zuschauen.

Zwischen 52% und 57% der wahlberechtigten Österreicher fordern laut jüngsten Umfragen vorgezogene Neuwahlen. Die Lazarsfeld-Erhebung für oe24 spricht von 52%, unsere eigenen Umfragen ergaben rund 57%, die endlich den Stimmzettel als Notbremse ziehen wollen; nur 36% (29% laut unseren Erhebungen) halten noch am Status quo fest. Andere Erhebungen liegen noch höher. Der Souverän hat gesprochen, und zwar deutlich, unmißverständlich. Doch die Vertreter der Bundesregierung – Kanzler Christian Stocker an der Spitze – sehen darin keinen Anlaß zum Rücktritt. Sie behaupten, Großartiges geleistet zu haben, und kündigen an, weiterhin Großartiges leisten zu wollen. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen: Während die Bürger die Teuerung in den Supermärkten und an den Tankstellen spüren, während die Wirtschaftsleistung real kaum über dem Niveau von 2019 dümpelt, während Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung steigen und das Defizit trotz aller Sparrhetorik bei rund 4% des BIP verharrt, erklärt man der Bevölkerung, sie habe es bloß noch nicht bemerkt, wie gut es ihr gehe.
Die Lebensrealität der Bürgerinnen und Bürger spricht eine andere Sprache. Inflation, die sich hartnäckig um die 3,5% hält, statt der angestrebten 2%. Eine schrumpfende oder bestenfalls stagnierende Wirtschaft. Steigende Zinslasten, die den Schuldenberg weiter anschwellen lassen. Ein Finanzminister Markus Marterbauer, der die EU-Defizitgrenze verfehlt und dessen Schulden-Prognosen regelmäßig nach oben korrigiert werden müssen. Und eine Sicherheitspolitik, die den Familiennachzug der uneingeladenen Migranten lediglich befristet hemmt, während der politische Islam weiter gedeiht. Großartig? Gewiß – großartig im Versagen, großartig im Anrichten neuer Schäden. Diese Regierung kann es nicht, will es nicht und sollte am besten umgehend gehen. Doch sie bleibt. Denn Macht ist süß und lukrativ, und der Kanzlersessel klebt offenbar fester als jede noch so unangenehme Umfrage.

Der Glaubwürdigkeitstest, bei dem ÖVP und Neos kläglich versagten
Noch bevor der Mißtrauensantrag zur Abstimmung kam, bot sich ein reizvolles Schauspiel der politischen Kindesweglegung. Seit dem 1. Oktober gilt die Paketabgabe: zwei Euro plus 20% Umsatzsteuer, also 2,40 Euro pro Paket. Sie trifft nicht nur die großen asiatischen Plattformen, sondern auch heimische Händler und vor allem den Bürger, der online bestellt. Die Gegenfinanzierung der Mehrwertsteuersenkung auf ausgewählte Lebensmittel, so die offizielle Begründung. 280 Millionen Euro sollen jährlich fließen. Kaum war die Abgabe in Kraft, setzte das Wettern ein. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) hatte „keine Freude“ damit. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger nannte die Steuer bei der Mitgliederversammlung in Linz einen „echten Murks“ und forderte, man solle noch einmal in sich gehen. Die ÖVP zeigte sich gesprächsbereit. Man kannte das Stück bereits: Erst beschließt man den Murks, dann wettert man dagegen, und schließlich hofft man, die Bevölkerung werde die Amnesie der Verantwortlichen mittragen.
Die Freiheitlichen nahmen die Ankündigungen beim Wort und beantragten die Abschaffung. Nun saßen ÖVP und Neos in der Falle, die sie sich selbst gestellt hatten. Und was taten sie? Sie stimmten gegen die Abschaffung. Zusammen mit der SPÖ, die ohnehin nie Abstand genommen hatte, weil das Geld im im völlig außer Kontrolle geratenen Budget fehlen würde. Damit setzten sie ein Statement, das an Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt: Die eigene Glaubwürdigkeit ist ihnen weniger wert als der Koalitionsfrieden. Ein klassischer Fall von politischer Kindesweglegung – man hat das Kind in die Welt gesetzt und tut nun so, als habe man es nie gesehen, geschweige denn gezeugt und geboren. Die Bürger, die seit Wochen diese völlig unnötigen 2,40 Euro berappen, dürfen sich getäuscht fühlen. Die Handelsverbände starten Petitionen, Zalando klagt, Otto kämpft – und die Regierungsparteien, die den Murks selbst fabriziert haben, verweigern die Korrektur. So wird aus Ankündigungspolitik blanke Heuchelei, und der Wähler lernt: Worte von ÖVP und Neos sind so beständig wie Frühnebel über der Donau.

Die ÖVP und die verpaßte Notbremse
Daß die ÖVP dem Mißtrauensantrag nicht zustimmte, ist ein Kapitel für sich – und eines, das von strategischer Blindheit zeugt. Die kommenden Landtagswahlen in Niederösterreich, Oberösterreich, Tirol und Salzburg drohen zu einem Desaster zu werden. Die Umfragen sprechen eine deutliche Sprache: Die Volkspartei schrumpft, die FPÖ wächst. In mehreren dieser Länder ist es höchst wahrscheinlich, daß der kommende Landeshauptmann oder die kommende Landeshauptfrau nicht mehr schwarz, sondern blau sein wird. Eine Zustimmung zum Mißtrauensantrag hätte die bereits erlittenen Verluste zwar nicht rückgängig gemacht, aber zumindest weitere abgebremst. Man hätte mittelfristig als Juniorpartner in einer FPÖ-geführten Regierung weiterarbeiten können – eine Chance, den eigenen Niedergang zu stoppen und sich neu zu positionieren.
Stattdessen wurschtelt man weiter. Die Parteistrategen der ÖVP scheinen wirklich in der Pendeluhr zu schlafen, während draußen die politische Landschaft sich unaufhaltsam verschiebt. Man hält an einer Koalition fest, die intern blockiert – 96 Regierungsvorhaben sollen in der Pipeline stecken –, und hofft, der Unmut der Bevölkerung werde sich irgendwann – vielleicht durch ein Wunder – in Wohlgefallen auflösen. Da ist keine Strategie mehr sichtbar, das ist pure Realitätsverweigerung. Herbert Kickl brachte es in seiner Rede auf den Punkt: „Herr Stocker, es will Sie niemand in diesem Land.“ Der Kanzler ohne klaren Wählerauftrag, der sich inkognito unter die Leute mischen solle, um zu hören, was man von ihm hält. Die Antwort ist jetzt schon hinlänglich bekannt. Doch statt zu gehen, bleibt man. Die ÖVP riskiert damit, nicht nur den Bund, sondern auch die Länder zu verlieren. Wer so handelt, hat den politischen Instinkt längst verloren.

Anstand? Eine Tugend, die abhanden gekommen scheint
Es ist neben den politischen Überlegungen auch eine Frage des Anstands, daß man dann, wenn einen niemand mehr sehen will, auch geht. Dieser Anstand fehlt den Damen und Herren von ÖVP, SPÖ und Neos augenscheinlich zur Gänze. Man hält sich an den Sesseln fest, erklärt die eigene Handlungsunfähigkeit zum „schwierigen Kompromiß“ und die Unzufriedenheit des Souveräns zum Resultat ungehöriger „Polemik“. Kickl sprach völlig zu Recht von der „teuersten, aufgeblasensten, unfähigsten, unbeliebtesten und chaotischsten Regierung“, die Österreich je gesehen habe. Besonders empfindliche Gemüter mögen die Formulierung für überspitzt halten – die Zahlen und die Umfragen geben dem FPÖ-Chef allerdings recht. 58% bewerten die Dreierkoalition mittlerweile als schlecht. Nur ein Bruchteil traut ihr noch zu, wichtige Projekte bis zum regulären Ende der Legislaturperiode umzusetzen.
Statt den Weg für Neuwahlen freizumachen – den „Befreiungsschlag“, den das Land nicht nur laut Kickl so dringend braucht –, verteidigt man den Stillstand. Staatssekretär Alexander Pröll verwies auf Doppelbudgets, Lohnnebenkostensenkung und den Stopp des Familiennachzugs. Schön, gut und halbwahr. Denn die Bilanz bleibt düster: Die Preisbremsen versagen, die Wirtschaft lahmt, die Schulden wachsen. Und während man im Parlament eine angebliche Handlungsfähigkeit beschwört, blockiert man sich intern. Das ist kein Regieren, das ist nur noch das Verwalten des eigenen Niedergangs.
Die Woche im Nationalrat hat gezeigt, was diese Regierung ist: eine Koalition des Beharrens, die den Wählerwillen ignoriert, die eigene Glaubwürdigkeit opfert und den für dies Position so dringend notwendigen Anstand vermissen läßt. Die Paketsteuer bleibt, der Mißtrauensantrag fällt, und die Bürger zahlen – im doppelten Sinne. Ob die ÖVP in den Ländern noch rechtzeitig aufwacht, darf bezweifelt werden. Die Pendeluhr, in der sich mancher Parteistratege zum Schlafen verschanzt hat, tickt weiter. Und draußen wartet der Souverän, der längst genug hat.

So nebenbei bemerkt: Neuwahlen wären die anständigste und eleganteste Lösung!

Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Sonntag!
Bleiben Sie zuversichtlich!
Bleiben Sie uns gewogen!
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4 thoughts on “Wenn der Souverän „Geht!“ ruft und die Regierung „Wir bleiben!“ antwortet”

  1. Das Problem beim politischen Personal ist: ein wirklich intelligenter, erfahrener, fest im Leben stehender Mensch gibt sich für diese Kasperltheater nicht her!

    Es kommen nur völlig abgehobene Typen daher, wie jetzt dieser Marxist, der Erbschafts- und Vermögenssteuer einführen will und alle Leistungsträger ausrauben will – um, und jetzt kommt der Wahnsinn – alle dahergelaufenen Parasiten durchzufüttern. Diesen Marterbauer brauchen wir sicher nicht:

    https://www.youtube.com/shorts/Xso-vc6tg58

    Es stellt sich allerdings die Frage: was ist eine Demokratie? Doch nicht die Zuspitzung auf eine Person – das Recht geht vom Volk aus und das sitzt im Parlament und nicht in der Regierung!

  2. Die Quadratur des politischen Geistes
    Oder: Wie man gegen die eigene Meinung stimmt, ohne das Gesicht zu verlieren

    Es gibt in der Politik gelegentlich Momente, in denen man sich fragt, ob die Logik gerade Urlaub macht oder endgültig aus dem Parlament ausgezogen ist. Einen solchen Moment erlebten wir am 14. Oktober 2026 im österreichischen Nationalrat. Die FPÖ beantragte die umgehende Abschaffung der Paketsteuer. Das Ergebnis: ÖVP, SPÖ und NEOS stimmten dagegen, die FPÖ und die Grünen dafür. Der Antrag war abgelehnt. So weit die Fakten.

    Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist allerdings die politische Vorgeschichte. Vertreter von ÖVP und NEOS hatten die Paketsteuer öffentlich kritisiert, obwohl ihre Parteien sie zuvor gemeinsam mit der SPÖ selbst beschlossen hatten. Nun lag die Gelegenheit auf dem Tisch, aus der Kritik eine parlamentarische Konsequenz zu ziehen. Doch der Antrag kam von der falschen Seite. Und offenbar ist in der österreichischen Innenpolitik inzwischen nicht mehr allein entscheidend, was beantragt wird, sondern wer es beantragt.

    Man stelle sich diese Logik einmal im Alltag vor. Ein Nachbar sagt: „Diese Rechnung ist viel zu hoch, wir sollten sie nicht bezahlen!“ Ein anderer entgegnet: „Da haben Sie vollkommen recht.“ Dann kommt ein Dritter und schlägt vor, die Rechnung tatsächlich nicht zu bezahlen. Woraufhin der erste Nachbar empört erklärt: „Moment! Wenn Sie dafür sind, bin ich dagegen. Schließlich kann ich Ihnen doch nicht recht geben!“ Und schon wird die Rechnung bezahlt – aus Prinzip, aus Trotz und vermutlich aus Angst, der Nachbar könnte sich am Ende als vernünftig erweisen.

    Im Parlament nennt man so etwas offenbar politische Verantwortung. Im wirklichen Leben würde man es eher für einen bemerkenswerten Mangel an innerer Konsequenz halten.

    Natürlich kann eine Partei einen Antrag aus sachlichen Gründen ablehnen, selbst wenn sie das erklärte Ziel grundsätzlich teilt. Man müsste dann allerdings erklären, weshalb der konkrete Vorschlag falsch ist und welche bessere Lösung man stattdessen verfolgt. Das wäre Politik. Schwieriger wird es, wenn der Verdacht entsteht, dass die parteipolitische Herkunft eines Vorschlags schwerer wiegt als sein Inhalt. Dann wird aus dem Parlament ein Theater, in dem nicht mehr die Sache verhandelt wird, sondern die Angst, der politische Gegner könnte einen Punkt gewinnen.

    Und damit sind wir bei der Quadratur des politischen Geistes: Ich bin gegen eine Steuer, aber ich stimme gegen ihre Abschaffung, weil derjenige, der sie abschaffen will, politisch auf der falschen Seite steht. Ich widerspreche also meiner eigenen Position, um meinem Gegner nicht recht geben zu müssen. Das Ergebnis ist eine Steuer, die ich angeblich nicht will, aber durch mein Abstimmungsverhalten mit am Leben erhalte. Der Bürger darf sie weiterhin bezahlen, während sich die Parteien gegenseitig versichern, im Grunde ohnehin seiner Meinung zu sein.

    Was ist das nun? Ein psychologisches Krankheitsbild? Ja und eine kindliche Trotzreaktion!

    Die Pointe ist bitter: Wer aus Angst vor einem politischen Gegner gegen die eigene Überzeugung stimmt, hat vielleicht eine Abstimmung gewonnen oder zumindest dem Gegner keinen Erfolg gegönnt. Die Sache selbst hat er damit nicht gelöst. Er hat nur bewiesen, dass zwischen dem, was er sagt, und dem, was er tut, ein bemerkenswert großer Raum liegt.

    Und dieser Raum heißt in Österreich offenbar: parlamentarische Praxis.

    Denn die höchste Form politischer Selbsttäuschung besteht darin, dem Gegner um jeden Preis nicht recht geben zu wollen – selbst wenn man dafür die eigene Meinung verraten muss – die Zeche zahlt der Österreicher wieder einmal!

    https://www.24vita.de/gesundheit/kinder-trotz-phase-tipps-eltern-kinderpsychologe-expertin-erziehung-nachwuchs-eltern-zr-91777255.html

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