
Es gibt Namen, die in Österreich bis heute wie mit Samthandschuhen angefasst werden. „Habsburg“ gehört dazu. Kaum fällt er, setzt bei nicht wenigen ein eigenartiger Reflex ein: milde Nachsicht, historischer Zuckerguss, wohlwollendes Überhören. Als hätte der bloße Klang des Namens eine politische Immunität eingebaut. Karl Habsburg, Sohn des letzten Kronprinzen, hat sich offenbar darauf verlassen, als er jüngst im Europäischen Parlament und medial eine Tirade aus Unterstellungen und bösartigen Zuschreibungen gegen patriotische Parteien – insbesondere die österreichischen Freiheitlichen – losließ. Das Echo fiel nun erstmals ungewohnt scharf aus. Und das ist überfällig.
Die gepflegte Legende vom freundlichen Herrscherhaus
Nach 1945 begann die systematische Verklärung der Habsburgergeschichte. Operetten, Filme, Fernsehserien, Musicals – von „Sissi“ bis zur kitschigen Doppelmonarchie-Nostalgie – zeichneten ein Bild der liebenswürdigen, fast demokratisch gesinnten Herrscherfamilie. Historisch ist das blanker Unsinn. Die Habsburger regierten jahrhundertelang absolutistisch. Es gab keine freien Wahlen, keine Gewaltenteilung, keine echte politische Mitbestimmung. Noch 1848 wurden liberale und nationale Bewegungen militärisch niedergeschlagen. Pressefreiheit war episodisch, Versammlungsfreiheit ein Gnadenakt, Überwachung durch Polizei und Spitzel Alltag.
Das vielzitierte „Völkerreich“ war kein harmonisches Miteinander, sondern ein von Zeitgenossen zu Recht so genannter „Völkerkerker“. Die späten Reformen – etwa das allgemeine Männerwahlrecht von 1907 – kamen nicht aus Einsicht, sondern aus Not, kurz vor dem Zusammenbruch.
Warum man die Habsburger 1918 aus dem Land warf
Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel die Doppelmonarchie unter der Last von rund 1,5 Millionen Kriegstoten, wirtschaftlichem Ruin und politischer Erstarrung. 1919 verabschiedete die Republik Österreich das Habsburgergesetz, 1920 folgte die Bundesverfassung, 1919 auch das Adelsaufhebungsgesetz. Die Botschaft war eindeutig: Keine Sonderrechte mehr, keine dynastische Politik, keine Rückkehr der alten Ordnung. Das war kein Akt des blinden Furors, sondern eine demokratische Notwendigkeit.
Wer heute so tut, als sei diese Entscheidung eine historische Ungerechtigkeit gewesen, verwechselt Monarchie-Romantik mit politischer Realität.
EU-Zentralismus als dynastische Wohlfühlzone
Dass sich Karl Habsburg in der Europäischen Union sichtlich wohlfühlt, überrascht wenig. Eine Institution mit massiven Demokratiedefiziten, schwacher parlamentarischer Kontrolle, überbordender Bürokratie und wachsendem Zugriff auf nationale Kompetenzen erinnert in Struktur und Geist eher an vormoderne Herrschaftsmodelle als an gelebte Volkssouveränität. Wenn Kompetenzen zunehmend von den Völkern weg und hin zu einer fernen Elite verlagert werden, mag das nostalgische Gefühle wecken – zumindest bei jemandem, dessen Familie jahrhundertelang ohne Volksmandat regierte.
Das Islamgesetz von 1912 – ein historischer Kollateralschaden
Ein besonders langlebiges Erbe habsburgischer Zweckpolitik ist das Islamgesetz von 1912. Es entstand nicht aus liberaler Weitsicht, sondern als Befriedungsmaßnahme nach der 1908 gegen den Willen der Bevölkerung erfolgten Annexion Bosnien-Herzegowinas. Das Reich ist verschwunden, Bosnien längst unabhängig – doch das Gesetz blieb. Bis heute erschwert es einen selbstbewussten, zeitgemäßen Umgang mit politischem Islam und islamistischen Strukturen. Ein klassisches Beispiel dafür, wie kurzfristige imperialpolitische Interessen langfristige Probleme hinterlassen.

Karl Habsburg – Skandale statt Staatskunst
Auch Karl Habsburgs eigene politische Laufbahn bietet wenig Anlass zur Ehrfurcht. Von seiner Zeit als ÖVP-Politiker und EU-Abgeordneter bis zu diversen Affären und Ungereimtheiten zieht sich eine Linie mangelnder Einsicht. Reue oder Selbstkritik? Fehlanzeige. Stattdessen moralische Großangriffe auf politische Gegner, gewürzt mit Diffamierungen, die jeder andere Politiker teuer bezahlt hätte.
Die jüngsten Austritte aus dem von ihm mitgeprägten St.-Georgs-Orden zeigen: Der Kredit ist aufgebraucht. Wer permanent austeilt, muss Gegenwind aushalten.
Der Name Habsburg verpflichtet zu nichts – schon gar nicht zur Ehrfurcht. Österreich ist eine Republik, keine Bühne für dynastische Eitelkeiten. Wer heute politisch spricht, wird am Argument gemessen, nicht am Stammbaum. Die Zeit der Sisi-Seligkeit ist vorbei. Und das ist kein Verlust, sondern ein Fortschritt.
Foto Karl Habsburg: wikimedia / Fgach80/ cc by-sa 4.0