
Ein völlig normaler Vorgang: Die Bürger eines Staates gehen zur Urne und bestimmen ihre Vertreter. In den meisten Ländern der Welt erregt das höchstens die jeweiligen Wahlforscher und ein paar Lokalreporter. Handelt es sich jedoch um Israel, bricht in europäischen Redaktionsstuben, Talkshows und Expertenzirkeln das große Weltgericht an. Plötzlich fühlt sich eine ganze Heerschar von Politikern, „Nahost-Experten“ und Medienleuten berufen, unausgegorene Analysen, moralische Urteile und bisweilen ungustiöse antisemitische Rülpser zum Besten zu geben. Als ob die Israelis ihre Demokratie nur auf Probe ausübten und der Rest der Welt das endgültige Votum zu fällen hätte.
Am 27. Oktober 2026 wählten rund 7,3 Millionen Stimmberechtigte die 26. Knesset. Die Wahlbeteiligung erreichte 77,7% – den höchsten Wert seit 1999. Keine Briefwahl, kein bequemes Absitzen im Ausland: Wer wählen wollte, mußte erscheinen, und Zehntausende Diaspora-Israelis flogen eigens ein. Das Ergebnis nach Auszählung von gut drei Vierteln der Stimmen zeigt ein klares Bild: Benjamin Netanjahus rechts-religiöses Lager lag bei etwa 54 Sitzen, das von Gadi Eisenkot angeführte Oppositionsbündnis bei 48 bis 49, die arabischen Listen bei 17 bis 18. Likud blieb mit rund 27 Mandaten stärkste Kraft, Eisenkots Jaschar folgte mit 21 bis 22. Keiner der beiden Blöcke erreicht die magische 61er-Mehrheit. Die Stimmen der Soldaten und Diplomaten können noch ein wenig im Ergebnis verschieben, doch die Grundtendenz ist unübersehbar: Unter den jüdischen Wählern besitzt Netanjahus Lager eine deutliche Mehrheit.
Übersicht der Stimmenanteile (gerundet, Stand ~80 % Auszählung):

| Partei | Anteil |
|---|---|
| Likud | 20,8 % |
| Yashar! | 16,4 % |
| B’Yachad | 9,1 % |
| Gemeinsame Liste | 9,1 % |
| Die Demokraten | 6,7 % |
| Vereinigtes Thora-Judentum | 6,1 % |
| Jisrael Beitenu | 6,0 % |
| Otzma Yehudit | 5,5 % |
| Schas | 5,5 % |
| Ra’am | 4,7 % |
| Religiöser Zionismus | 4,7 % |
Die übrigen Listen liegen unter der 3,25%-Hürde und sind daher nicht dargestellt. Die endgültigen Werte können sich durch die noch ausstehenden Stimmen noch leicht verändern.
Die große Prognose-Posse
Monatelang hatten diverse Umfrageinstitute und Kommentatoren ein anderes Bild gezeichnet. Das rechte Lager werde wegen des Krieges gegen die Hamas, die Hisbollah und den Iran krachend verlieren, hieß es. Netanjahu sei verbraucht, die Wähler wollten Abrechnung und Wechsel. In Talkrunden der Mainstreammedien im EU-Raum wiederholten „Experten“ diese Prognose wie ein Mantra. Manche exit polls am Wahlabend schienen sie zunächst zu bestätigen und sahen die Opposition vorn. Dann kam die Realität der Auszählung – und die selbsternannten Experten schauten in die Röhre.
Daß Vorhersagen danebenliegen können, ist menschlich. Daß dieselben Experten ungerührt weiterplappern, als sei nichts gewesen, gehört zum Geschäft. Sie hatten ihr Wunschergebnis bereits als fixe Tatsache verkauft und die Wähler moralisch in die Pflicht genommen. Wer Netanjahu wählte, galt in manchen Kommentaren beinahe als Sicherheitsrisiko für den Weltfrieden. Nun stehen die Zahlen da, und die moralische Entrüstung muß notdürftig umgeschrieben werden: Nicht mehr der bevorstehende Sieg der Guten, sondern die „Pattsituation“ und die „Gefahr einer rechten Regierung“ beherrschen die Schlagzeilen. Der Bürger, der einfach seinen Vertreter wählt, bleibt dabei die störende Variable.
Die GAZETTE OESTERREICH hat vor der Wahl zu Recht auf die laute, zersplitterte, aber erstaunlich robuste Demokratie Israels hingewiesen: mitten im Dauerfeuer von Raketen und Proxys, umgeben von Theokratien und Terrorgruppen, streitet man in Parlamenten und Gerichten, nicht mit Macheten. Arabische Abgeordnete sitzen in der Knesset, das Oberste Gericht kippt Regierungsentscheidungen, die Presse kritisiert ungeniert. Es ist sicherlich keine Idylle, aber es ist der einzige funktionierende demokratische Staat westlichen Zuschnitts in der Region. Wer hier von „Apartheid“ faselt, betreibt nichts weiter als ideologische Selbsthypnose.
Der unsichtbare Graben und die westliche Anmaßung
Ein weiterer Aspekt, den westliche Beobachter gerne übersehen: der alte Graben zwischen Aschkenasim und Sephardim bzw. Mizrachim. Die orientalischen Juden, einst von der aschkenasischen Elite herablassend behandelt, bilden heute einen entscheidenden Teil der Wählerschaft. Der Likud hat diese Wut seit Menachem Begin kanalisiert. Netanjahu, selbst aschkenasischer Herkunft, stilisiert sich erfolgreich als Anwalt des „Zweiten Israel“ gegen die abgehobenen Eliten in Medien, Justiz und Hightech. Wer das ignoriert, versteht weder die Treue vieler traditioneller Wähler zum rechten Lager noch die Grenzen der Protestbewegungen in Tel Aviv.
Gleichzeitig versuchten Linksextreme und Islamisten von den französischen Banlieues bis zu Berliner Campus, die israelische Wahl zu kapern – ohne Stimmzettel, dafür mit Brandsätzen, „From the river to the sea“ und dem üblichen Judenhass im Gewand der Solidarität. Daß sie weder dort leben noch Verantwortung tragen, störte sie nicht. Die Israelis ließen sich davon nicht beeindrucken. Sie wählten, gestählt durch den 7. Oktober 2023 und drei Jahre Krieg an mehreren Fronten.
Die krachende Fehleinschätzung der Kriegsfolgen
Die häufig in EU-Redaktionen geäußerte Überlegung, Likud und Netanjahu würden wegen der militärischen Konflikte mit Hamas, Iran und dessen Proxys die Wahlen verlieren, hat sich als falsch erwiesen. Viele Israelis sahen in Netanjahu denjenigen, der den Krieg geführt und führende Terroristen ausgeschaltet hat. Die Opposition unter Eisenkot, dem ehemaligen Generalstabschef, konnte das Trauma des 7. Oktober zwar politisch nutzen, aber nicht in eine klare Mehrheit unter den jüdischen Wählern ummünzen. Wer geglaubt hatte, die Wähler würden dem Premier die Sicherheitsversäumnisse allein anlasten und gleichzeitig die militärischen Erfolge ignorieren, hat die israelische Gesellschaft gründlich mißverstanden.
Nun droht ein zähes Ringen um eine Koalition. Eher unwahrscheinlich ist, daß arabische Parteien das Zünglein an der Waage spielen könnten – eine Option, die nicht nur zionistische Parteien aus guten Gründen scheuen. Netanjahu bleibt als geschäftsführender Premier im Amt, bis eine neue Regierung steht oder Neuwahlen anstehen. Die Demokratie arbeitet, laut und nicht immer perfekt, aber sie arbeitet.
Was bleibt von der westlichen Aufregung? Einmal mehr der peinliche Befund, daß manche Beobachter Israel nicht als souveränen Staat mit wahlberechtigten Bürgern betrachten, sondern als Projektionsfläche für eigene Wunschbilder und Ressentiments. Die Israelis haben gewählt. Die Experten dürfen jetzt die Scherben ihrer Prognosen zusammenkehren – und hoffentlich etwas leiser werden (Zu erwarten ist dies leider nicht.). Denn eines hat diese Wahl wieder gezeigt: Die Bürger eines bedrohten Landes verstehen ihre Interessen besser als die selbsternannten Orakel in den Redaktionsstuben des EU-Mainstreams.
(Stand Auszählung ca. 80 %):

Kurzüberblick der wichtigsten Zahlen:
| Partei | Sitze | Veränderung |
|---|---|---|
| Likud | 27 | –5 |
| Yashar! (Eisenkot) | 22 | neu |
| B’Yachad (Bennett/Lapid) | 12 | neu |
| Gemeinsame Liste | 11 | +6 |
| Die Demokraten | 8 | +4 |
| Vereinigtes Thora-Judentum | 7 | ±0 |
| Jisrael Beitenu | 7 | +1 |
| Otzma Yehudit | 7 | +1 |
| Schas | 7 | –4 |
| Ra’am | 6 | +1 |
| Religiöser Zionismus | 6 | –1 |
Blöcke (ca.):
Netanjahu-Lager ≈ 54 Sitze · Opposition ≈ 48–49 Sitze · Arabische Listen ≈ 17–18 Sitze
(Die endgültigen Zahlen können sich durch die noch ausstehenden Stimmen der Soldaten und Diplomaten noch leicht verschieben.)