
Ein Gastkommentar von Ronald Rinder.
Früher hatte jede Generation ihre Rebellen. Die 68er gingen auf die Straße, die 80er protestierten gegen Atomkraft, die 90er gegen Globalisierung. Heute scheint die Revolution etwas… effizienter organisiert zu sein. Arbeitszeit: ungefähr von neun bis fünfzehn Uhr. Danach vielleicht noch ein Post auf Social Media – Revolution braucht schließlich Reichweite.
Manchmal wirkt es fast so, als würde der große Aufstand im „All-inclusive-Paket“ im Hotel Mama stattfinden: stabiles WLAN, gut gefüllter Kühlschrank und genug Zeit, sich den ganz großen Fragen der Welt zu widmen. Allerdings nicht unbedingt den unbequemen.
Denn während früher gegen Mächtige und Autoritäten aufbegehrt wurde, beschäftigt sich ein Teil der aktuellen Szene lieber mit Themen, die zwar äußerst kreativ sind, aber selten weh tun. Identitätsdebatten, immer neue Selbstbezeichnungen oder der neueste Internettrend – vom spirituellen Fuchs bis zum digitalen Aktivismus. Die Fantasie kennt keine Grenzen.
Auffällig ist dabei vor allem der Tonfall: laut, moralisch aufgeladen und mitunter erstaunlich kompromisslos. Wer widerspricht, merkt schnell, dass Empörung heute eine der effizientesten politischen Währungen geworden ist. Kritik wird dann gerne als Angriff gewertet – und im Zweifelsfall vom Herrn Anwalts – Papa juristisch oder moralisch eingehegt.
Dabei hatte Jugendkultur einmal etwas wunderbar Unberechenbares. Sie stellte Autoritäten infrage, rieb sich an Machtstrukturen und brachte neue Ideen hervor. Heute wirkt der Aufstand manchmal eher wie ein gut kuratierter Programmpunkt – erstaunlich kompatibel mit dem Zeitgeist und oft unterstützt von Institutionen, NGOs oder Unternehmen.
Die große „Weltrevoluzzion“ findet als Beiwagen der Mächtigen mit vielen Hashtags statt Transparenten statt. Gestern Straßenschlacht gegen die „Mächtigen“ – heute Hashtags und Slapklagen gegen die „Andersdenkenden“.
Die Anzahl der Wehruntauglichen steigt! Übergewicht, psychische Labilität, Altersdiabetes – Van Crefeld hat das genau analysiert: „Wir Weicheier“
https://www.fbi-politikschule.at/news-detail/artikel/wir-weicheier-warum-wir-uns-nicht-mehr-wehren-koennen-was-dagegen-zu-tun-ist/
Und diese (natürlich nur männlichen) Weicheier sollen Österreich jetzt schützen…na servas!
Erst entkernt, dann überfordert – die politische Produktion der „Unfähigkeit“ :
Ein zentraler Widerspruch der aktuellen Debatte liegt in der gleichzeitigen Kriegshysterie und Instrumentalisierung der jungen Generation. Einerseits wird behauptet, junge Männer seien physisch und psychisch nicht mehr in der Lage, robuste Kampfeinsätze zu bestehen. Andererseits sollen genau diese jungen Männer nun länger dienen, mehr leisten und im Ernstfall kämpfen.
Diese Diagnose wird häufig moralisch abgewehrt, als pauschale Herabwürdigung. Tatsächlich handelt es sich um die Beschreibung eines Zustands, der politisch und gesellschaftlich hergestellt wurde. Über Jahrzehnte hinweg wurde jede Form von soldatischer Härte delegitimiert. Militärische Ausbildung sollte möglichst konfliktfrei, risikoarm und „zumutbar“ sein. Physische Grenzerfahrungen galten als problematisch, psychische Belastung als therapiebedürftig.
Gleichzeitig wurde die Gesellschaft insgesamt auf Komfort, Sicherheit und Risikovermeidung ausgerichtet. Entbehrung, Gewalt und Dauerstress wurden aus dem Alltag verbannt oder externalisiert. Krieg jedoch ist die Rückkehr all dessen, was man systematisch verlernt hat zu ertragen.
Das Ergebnis ist keine individuelle Schwäche, sondern eine politische Konsequenz. Wer Wehrdienst über Jahre entkernt, darf sich nicht wundern, wenn militärische Robustheit fehlt. Wer Härte und Disziplin tabuisiert, kann sie nicht auf Knopfdruck einfordern.
Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch: Während man außenpolitisch mit Kriegsfähigkeit argumentiert, ignoriert man die reale sicherheitspolitische Risikolage im Inneren. Europäische Beispiele – etwa aus Italien oder Frankreich – zeigen zunehmend bürgerkriegsähnliche Szenarien: Massenunruhen, koordinierte Gewalt, hunderte verletzte Polizisten, zeitweiser Kontrollverlust über urbane Räume.
Diese Lagen entstehen nicht durch fremde Armeen, sondern durch gesellschaftliche Fragmentierung, importierte Konflikte, politische Radikalisierung und staatliche Überforderung. Ethnische, religiöse oder ideologische Auseinandersetzungen enden nicht automatisch mit Migration. Sie werden in neue Räume getragen und dort ausgetragen.
Die Polizei stößt in solchen Szenarien schnell an ihre Grenzen. Verfassungsrechtlich ist dann das Bundesheer als Unterstützung vorgesehen. Doch genau dafür ist es nicht vorbereitet. Ein Heer, das primär für Assistenzdienste sozialisiert wurde, ist für robuste innere Sicherung kaum einsatzfähig.
Man hat also ein Heer, das außen nicht gebraucht wird und innen nicht vorbereitet ist. Gleichzeitig verlangt man von einer Generation, die man systematisch von gewalt-Zumutungen ferngehalten hat, plötzlich Opferbereitschaft. Das ist kein Sicherheitskonzept, sondern politische Verantwortungslosigkeit.
Sehr richtig – „Work-Life-Balance“ – wer von Disziplin, Pflicht etc. spricht ist – eh klar – ein Nazi!
https://einsatz-magazin.at/2025/01/13/kampffaehigen-nachwuchs-gibts-immer-weniger/
Dazu:
Die Illusion der Kriegsfähigkeit
Warum moderne Wohlstandsgesellschaften an den Anforderungen des Gefechts scheitern könnten
Die Frage, ob heutige westliche Gesellschaften überhaupt noch in der Lage wären, einen konventionellen Krieg mit hoher Intensität durchzustehen, wird zunehmend auch von Militärhistorikern, Soziologen und Sicherheitsexperten gestellt. Dabei geht es weniger um Technik oder Ausrüstung – sondern um den Menschen selbst.
Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld weist seit Jahren darauf hin, dass moderne Gesellschaften zwar über hochentwickelte Waffensysteme verfügen, jedoch immer weniger über die psychische und physische Robustheit, die längere, verlustreiche Kampfeinsätze erfordern. Krieg, so van Creveld, sei kein technisches, sondern vor allem ein menschliches Extremereignis.
Sinkende physische Belastbarkeit
Zahlreiche westliche Armeen berichten seit Jahren von Rekrutierungsproblemen, steigenden Ausfallquoten in der Grundausbildung und sinkender körperlicher Leistungsfähigkeit. Übergewicht, geringe Ausdauer, orthopädische Probleme und mangelnde Belastungsresistenz sind keine Randphänomene mehr, sondern strukturelle Probleme.
Ein Leben, das auf Komfort, Sicherheit und Risikovermeidung ausgelegt ist, produziert kaum jene körperliche Härte, die Gefechtssituationen verlangen: Schlafmangel, Dauerstress, Hunger, Kälte, Angst, Verwundung und Tod gehören dort zum Alltag.
Psychische Fragilität und Medikalisierung von Belastung
Noch gravierender ist die psychische Dimension. In vielen westlichen Gesellschaften wird bereits bei vergleichsweise niedrigen Stress- oder Gewalterfahrungen professionelle psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Das ist zivilisatorisch ein Fortschritt – militärisch jedoch ein Dilemma.
Krieg bedeutet:
• ständige Todesnähe
• das Töten anderer Menschen
• Kontrollverlust
• moralische Grenzüberschreitungen
Eine Generation, die auf maximale emotionale Sicherheit sozialisiert wurde, trifft hier auf eine Realität, die keinerlei Rücksicht nimmt. Van Creveld beschreibt dies als zivilisatorischen Widerspruch: Je humaner eine Gesellschaft im Inneren wird, desto weniger ist sie in der Lage, die Inhumanität des Krieges zu ertragen.
Wohlstand als Entwöhnung von Entbehrung
Moderne Konsumgesellschaften haben Entbehrung systematisch eliminiert. Hunger, Kälte, körperliche Arbeit, Gewalt – all das ist ausgelagert oder abstrahiert. Krieg hingegen ist die Rückkehr des Archaischen.
Wer nie gezwungen war, über längere Zeit Schmerz, Angst oder Ohnmacht auszuhalten, wird im Gefecht nicht „funktionieren“, sondern zerbrechen. Historisch betrachtet waren Armeen immer Produkte harter Lebensrealitäten – nicht behüteter Wohlstandsmilieus.
Der gefährliche Selbstbetrug
Das eigentliche Problem ist nicht die Jugend, sondern der gesellschaftliche Selbstbetrug. Politische und mediale Diskurse suggerieren Verteidigungsfähigkeit, während gleichzeitig jede Form von Härte, Disziplin und Zumutung delegitimiert wird.
Eine Gesellschaft, die Krieg moralisch verabscheut, physisch meidet und psychisch pathologisiert, kann ihn nicht führen – höchstens delegieren oder verlieren.
Fazit
Die Frage ist nicht, ob junge Menschen „schlechter“ sind als frühere Generationen.
Die Frage ist, ob eine auf Komfort, Sicherheit und Selbstverwirklichung ausgerichtete Zivilisation überhaupt noch über das mentale und körperliche Instrumentarium verfügt, um einen existenziellen Gewaltkonflikt zu überstehen.
Van Crevelds unbequeme Diagnose lautet:
Nicht der Mensch hat sich verändert – sondern die Welt, in der Krieg wieder Realität wird, hat aufgehört, zu unserer Selbstwahrnehmung zu passen.