Die Orakel haben gesprochen – die Wähler dürfen jetzt noch nicken

Heute gehen die Amerikaner an die Urnen. Sie wählen das gesamte Repräsentantenhaus neu, ein Drittel des Senats und Dutzende Gouverneure. Ein Vorgang, der in jeder Demokratie selbstverständlich wäre – wäre da nicht die unausrottbare Gewohnheit europäischer und amerikanischer Kommentatoren, den Bürgern das Ergebnis schon vorher in den Mund zu legen. Die Orakel haben gesprochen. Die Zahlen stehen. Die Modelle leuchten in sattem Blau. Nun müssen die Wähler nur noch brav abnicken. Oder?

Die Prognose-Industrie und ihre jüngste Blamage
Im Generic Ballot liegen die Demokraten derzeit mit acht bis zehn Punkten vorn. Aggregatoren sehen sie bei 51% – 52%, die Republikaner bei 42% – 43%. Manche Modelle rechnen dem Haus mit über 90% Wahrscheinlichkeit eine demokratische Mehrheit zu, dem Senat mit immer noch komfortablen 70% und mehr. Trumps Zustimmung dümpelt bei 36% – 38%, die Ablehnung bei rund 60%. Fertig ist die Geschichte.

Daß dieselben Experten und Institute bei den letzten Midterms und der Präsidentschaftswahl 2024 spektakulär danebenlagen, gilt offenbar als vernachlässigbare Fußnote. Neu ist diesmal nur der freche Höhepunkt: Ein Institut namens Wedgewood Polls hat monatelang erfundene Umfragen in die Welt gesetzt – und wurde von großen Medien, darunter die New York Times, brav mitgeschleppt. Als die Sache aufflog, erklärte die Firma freimütig, es habe sich um ein „Experiment“ gehandelt, um zu testen, wie leicht man die Branche austricksen könne. Das Ergebnis: erschreckend leicht. Spenden strömten ab, Kandidaten gerieten unter Druck, Narrative wurden befeuert. Hauptsache, die Richtung stimmte. Wer das eigene Weltbild für wichtiger hält als die Realität, braucht keine echten Daten.

Die Wirtschaft, die sich weigert, nach Plan zu kollabieren
Von europäischer Seite wird die amerikanische Wirtschaft gerne als Trümmerfeld dargestellt. Die Zahlen widersprechen dem. Investitionen in Milliardenhöhe werden angekündigt, Produktionskapazitäten kehren zurück oder bleiben im Land. Energie- und Treibstoffkosten sind unangenehm, aber nicht existenzbedrohend – jedenfalls nicht im Vergleich zu dem, was deutsche oder österreichische Autofahrer an der Zapfsäule hinterlassen.

Der Iran-Konflikt hat die Preise nach oben getrieben: Benzin liegt national um die US$ 4,20 pro Gallone, Diesel war zeitweise über sechs Dollar und bleibt teuer. Unangenehm, keine Frage. Doch wer in Wien oder München tankt, zahlt oft das Doppelte und mehr – Steuern und Abgaben sei Dank. Japan, weit abhängiger von der Straße von Hormus, fährt günstiger. Die Behauptung, die europäischen Energiepreise seien vor allem Trumps Schuld, ist eine bequeme Ablenkung vom eigenen Versagen: von Sanktionspolitik und Steuerwahn, die man sich selbst verordnet hat. Die Amerikaner zahlen den Weltmarktpreis plus moderate Aufschläge. Der Unterschied ist spürbar – und politisch relevant.

Stimmen ohne Ausweis – das amerikanische Kuriosum
Ein weiteres Detail, das europäischen Beobachtern immer wieder die Haare zu Berge stehen läßt: In mehreren Bundesstaaten – bezeichnenderweise in klassischen blauen Hochburgen wie Kalifornien, New York, Illinois, Oregon oder Pennsylvania – darf man ohne Identitätsnachweis wählen. Name und Unterschrift genügen. In Österreich oder Deutschland würde man dafür den Ausweis verlangen, und zwar für weit trivialere Amtsgänge. Man kann das „inklusiv“ nennen. Man kann es auch naiv oder fahrlässig nennen. Die amerikanische Debatte darüber ist alt und erbittert. Für den Außenstehenden bleibt es ein Kuriosum, das dem Vertrauen in das Verfahren nicht gerade auf die Beine hilft.

Krieg ohne Bleisärge
Immer wieder wird spekuliert, der Iran-Konflikt werde den Republikanern das Genick brechen. Das Argument übersieht einen entscheidenden Punkt: Die Amerikaner rebellieren erfahrungsgemäß dann, wenn die eigenen Söhne in größeren Zahlen in Bleisärgen nach Hause kommen. Solche Bilder gibt es diesmal kaum. Der Konflikt wird weitgehend aus der Luft und mit Raketen geführt. Eigene Verluste bleiben begrenzt. Das ändert nichts an den gestiegenen Benzinpreisen und den wirtschaftlichen Kosten. Es ändert aber die emotionale Dynamik. Ein Luftkrieg ohne massenhafte Gefallene ist politisch etwas anderes als ein Bodeneinsatz mit Tausenden Toten. Wer das übersieht, rechnet mit den Gefühlen der Amerikaner, ohne sie zu kennen.

Die Entscheidung gehört den Amerikanern – nicht den Wunschträumen aus Europa
Historisch verlieren die Parteien der amtierenden Präsidenten bei Midterms Sitze – im Schnitt seit dem Zweiten Weltkrieg rund 26 im Haus und einige im Senat. Ausnahmen bestätigen die Regel. Trump ist in seiner zweiten Amtszeit, die Zahlen sehen auf dem Papier schlecht aus. Doch die Amerikaner wählen nicht nach den Wunschträumen europäischer Kommentatoren oder den Excel-Tabellen der Prognostiker. Sie wählen nach dem, was sie an der Zapfsäule, im Supermarkt und in ihrer Nachbarschaft spüren. Die einen aus Überzeugung, die anderen aus Ablehnung, wieder andere aus Gewohnheit oder purem Trotz.

Die Experten werden danach erklären, warum sie diesmal besonders recht hatten – oder warum die Umfragen ausnahmsweise getrogen haben, die Wähler besonders widerspenstig waren oder irgendwelche „Unterschätzungen“ im Spiel waren. Das Spiel ist alt. Es wird fortgesetzt.

Bis dahin gilt: Die Bürger eines mächtigen Landes entscheiden über ihre Vertreter. Alles andere ist Kommentar, Spekulation und allzu oft Wunschdenken mit ganz viel Blabla. Man sollte den Ausgang abwarten, bevor man ihn feiert oder beweint. Die Orakel im Nebel haben schon oft genug danebengelegen. Morgen wird gewählt. Dann zählt, was wirklich zählt.

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