
Viel Spalte durchziehen die israelische Gesellschaft – religiös, säkular, links, rechts, jüdisch, arabisch. Doch einer der zählebigsten, zugleich für westliche Beobachter am schwersten greifbare, verläuft mitten durch das jüdische Volk selbst: zwischen Aschkenasim und Sephardim (bzw. den oft synonym gebrauchten Mizrachim). Es ist ein Konflikt um Status, Würde, Erinnerung und Macht, der seit 1948 schwelt und bei jeder Knesset-Wahl wieder aufflackert. Wer ihn ignoriert, versteht weder Benjamin Netanjahu noch die israelische Rechte – und schon gar nicht, warum ausgerechnet die „kleinen Leute“ dem Likud so treu bleiben.
Zwei Geschichten, ein Staat
Die Aschkenasim – Nachfahren der mittel- und osteuropäischen Juden – brachten den Zionismus, die Institutionen und die (fast) sozialistische Staatsgründungsideologie mit. Sie stellten die Mapai, später die Arbeitspartei, die Kibbuzim, die Armeeführung, die Universitäten und die Medien. David Ben-Gurion, Golda Meir, Jitzchak Rabin – alles Aschkenasen. Ihre Kultur galt als modern, europäisch, fortschrittlich.
Dann kamen ab den 1950er-Jahren die großen Einwanderungswellen aus den arabischen und islamischen Ländern: Marokko, Irak, Jemen, Tunesien, Ägypten. Sepharden und Mizrachim, oft aus traditionellen, religiösen Milieus. Viele wurden in Entwicklungstädte an der Peripherie gesteckt, in provisorische Lager, mit DDT besprüht und als „primitiv“ belächelt. Ben-Gurion selbst soll vom „arabischen Geist“ gesprochen haben, den es auszutreiben gelte. Die Folge: ein „Zweites Israel“ – ärmer, weniger gebildet, kulturell abgewertet. Noch heute verdienen Aschkenasim im Schnitt mehr, haben höhere Akademikerquoten und dominieren die Spitzenpositionen in Justiz, Wirtschaft und Wissenschaft. Ein mizrachischer Ministerpräsident, ein mizrachischer Präsident des Obersten Gerichts? Bislang Fehlanzeige. Eher undenkbar.
Die Aschkenasen empfanden sich (und empfinden sich mancherorts noch) als die gebildeteren, die intelligenteren, als die eigentlichen Staatsbauer. Die Sepharden und Mizrachim als die, die man zivilisieren musste. Das rächt sich. Denn aus dem Groll wurde politische Macht.
1977 und die Geburt der rechten Mehrheit
Der historische Wendepunkt war die Wahl 1977. Menachem Begin und der Likud beendeten die jahrzehntelange Vorherrschaft der Arbeitspartei. Nicht weil die Sepharden plötzlich Revisionisten geworden wären, sondern weil Begin ihre Wut kanalisierte. Er gab ihnen das Gefühl, gehört zu werden. Seither gilt der Likud – trotz aschkenasischer Führung – als Partei der Mizrachim. Netanjahu, selbst aus alter aschkenasischer Familie, MIT-Absolvent und Sayeret-Matkal-Veteran, hat dieses Erbe meisterhaft ausgebaut. Er stilisiert sich als Anwalt des „Zweiten Israel“ gegen die „alte Elite“: Medien, Justiz, High-Tech-Klasse, die angeblich von oben herabregiert und dem Volk den Willen diktieren will.
Die Justizreform-Proteste 2023 zeigten die Grenze blitzklar: Auf den Straßen Tel Avivs und Haifas dominierte das aschkenasisch geprägte, säkulare, gut ausgebildete, als abgehobene empfundene Milieu. In den Entwicklungstädten und unter traditionellen Wählern war die Empörung über „die da oben“ spürbar. Avishay Ben Haim und andere rechte Publizisten sprachen offen vom Kampf des „Ersten“ gegen das „Zweite Israel“. Es ist derselbe Mechanismus, den man in westlichen Ländern als Konflikt zwischen metropolitanen Eliten und „normalen Bürgern“ kennt – nur dass er in Israel ethnisch aufgeladen ist.
Unsichtbar für Außenstehende, handfest im Alltag
Für Europäer ist der Unterschied oft unsichtbar. Beide Gruppen sind Juden, sprechen Hebräisch, dienen in der Armee, feiern die gleichen Feste. Doch Israelis erkennen ihn am Nachnamen (Levy, Peretz, Biton versus Cohen, Shapiro, Rosenberg), am Akzent, am Aussehen, an den Speisegewohnheiten, an der Frömmigkeit. Sephardische Synagogen, sephardische Melodien, die Schas-Partei als stolzer Hüter sephardischer Tradition – all das ist Teil einer Gegenkultur, die sich nicht mehr verstecken will.
Schas, gegründet 1984 unter Rabbi Ovadia Yosef, war die Antwort auf die Dominanz aschkenasischer Ultraorthodoxer. Sie spricht nicht nur Haredim an, sondern traditionelle Mizrachim, die sich von der säkularen Elite und den aschkenasischen Rabbinern gleichermaßen bevormundet fühlten. Bis heute ist Schas ein treuer Koalitionspartner Netanjahus – und ein Symbol dafür, dass ethnische Würde und religiöse Identität Hand in Hand gehen können.
Natürlich hat sich vieles verbessert. Mischehen nehmen zu, mizrachische Musik und Küche sind Mainstream, soziale Aufsteiger gibt es zuhauf. Die harten Diskriminierungen der 1950er sind Geschichte. Doch die Erinnerung daran und das Gefühl, immer noch nicht ganz dazuzugehören, leben fort. Studien zeigen: Der Abstimmungsunterschied zwischen mizrachisch und aschkenasisch geprägten Orten bleibt beträchtlich und hat sich in manchen Wahlen sogar vergrößert.
Wer die größere Gruppe eint, gewinnt
Demografisch und politisch ist das „Zweite Israel“ längst das Erste. Die Nachkommen der orientalischen Juden stellen einen gewichtigen, wenn nicht den größeren Teil der jüdischen Bevölkerung. Wer sie hinter sich bringt – oder zumindest verhindert, daß sie abwandern –, entscheidet die Knesset-Wahl. Netanjahu hat das verstanden. Seine Gegner, oft aus dem aschkenasisch-säkularen Lager, tun sich schwerer. Sie predigen Rechtsstaat und liberale Werte und werden dafür als abgehobene Elite wahrgenommen, die dem einfachen Mann Vorschriften machen will.
Vor dem Hintergrund des 7. Oktober 2023 und des anhaltenden Krieges gegen Hamas, Hisbollah und den Iran gewinnt diese Spaltung zusätzliche Schärfe. Sicherheitsbedürfnis und nationales Selbstbewusstsein sind unter Mizrachim traditionell stark ausgeprägt. Wer ihnen signalisiert, daß die alten Eliten wieder die Fäden ziehen und die „wahren“ Israelis an den Rand drängen wollen, erntet Zustimmung.
Die Spalte sind real. Sie sind tief. Aber sie sind nicht unüberbrückbar. Israel hat schon größere Gräben überwunden. Die Frage ist, ob die politische Klasse den Mut findet, die alte Hierarchie tatsächlich und endgültig zu begraben – oder ob sie weiter mit dem ethnischen Ressentiment spielt, weil es Stimmen bringt. Am 27. Oktober 2026 werden die Wähler entscheiden, wessen Erzählung stärker wirkt: die von der beleidigten Würde des Zweiten Israel oder die von der liberalen Republik, die angeblich über den Dingen schwebt. Eines ist gewiß: Wer die Sepharden und Mizrachim verliert, verliert die Macht. Und wer sie gewinnt, regiert.