
Es ist, als säße man noch immer im Café Central oder im Herrenhof, und irgendein Kraus, Polgar oder Kuh lehnte sich vor und flüsterte: „Schauen Sie, die Sprache geht zugrunde, und niemand merkt’s, weil alle so beschäftigt sind, englisch zu klingen.“ Und so beginnen wir, nicht ohne jenen leichten Sarkasmus, der die einzige ernsthafte Haltung gegenüber dem Unfug unserer Tage ist.
Die deutsche Sprache, diese alte, ehrwürdige Dame mit tausend Falten und ebenso vielen Verzierungen, wird seit Jahren und Jahrzehnten mit Fremdwörtern behängt, als wäre sie eine billige Puppe, die man mit dem letzten Schrei aus Übersee drapieren müsse, damit sie endlich modern erscheine. Man ergänzt sie, sagt man, man bereichert sie, man öffnet sie der Welt – und in Wahrheit verhunzt man sie zu einem Kauderwelsch, das weder Fisch noch Fleisch ist, weder Deutsch noch Englisch, sondern eine Art sprachlicher Mischling, der in keiner anständigen Gesellschaft willkommen wäre. Besonders dumm, ja geradezu genial dumm sind jene erfundenen Scheinanglizismen, die man hierzulande mit der Miene des Weltbürgers in den Mund nimmt, während der echte Brite nur den Kopf schüttelt und sich fragt, ob der Kontinentale nun endgültig den Verstand verloren habe.
Nehmen wir das „Handy“. Welch ein Wort! Im Englischen bedeutet es umgangssprachlich etwas ganz anderes, etwas, das man besser nicht laut in guter Gesellschaft ausspricht, und jedenfalls kein Mobiltelefon. Wer im englischsprachigen Ausland höflich um ein „Handy“ bittet, riskiert Irritationen, die weit über das Technische hinausgehen. Oder der „Bodybag“: Bei uns ein trendiger Rucksack, in dem man seine Bücher und sein veganes Butterbrot verstaut; im Original ein Leichensack. „Ich gehe mit meinem Bodybag wandern“ – das klingt, als habe man die Nekrophilie zum Volkssport erhoben. Der „Beamer“ ist bei uns ein Projektor, im Englischen umgangssprachlich ein BMW, und das „Public Viewing“ meint hierzulande meist das gemeinschaftliche Anstarren eines Fußballspiels auf Großleinwand, während es im sprachlichen Herkunftsland die Leichenaufbahrung bezeichnet. Man könnte die Liste endlos fortsetzen: „Shooting“ für Fototermin, „Meeting“ für Besprechung, „Team“ für Mannschaft, „Event“ für Veranstaltung – alles Worte, die man ebenso gut auf deutsch sagen könnte, und zwar präziser, klarer und ohne den Beigeschmack der Anbiederung. Statt der präzisen deutschen Sprache herrscht ein anglisiertes Gemurmel, das weder die Präzision des Deutschen noch die Eleganz des Englischen besitzt. Es ist, als hätte man die eigene Mutter verleugnet, um einer fremden Tante hinterherzulaufen, die einen gar nicht mag.
Und wir werden täglich mit diesen dummen Begriffen belästigt, obwohl wir oft genug die Vielfalt der deutschen Sprache noch gar nicht ergründet haben. Hier liegt der eigentliche Skandal, der eigentliche Witz und die eigentliche Tragödie. Man predigt uns die Offenheit, die Internationalität, die Notwendigkeit, mit der Zeit zu gehen – und vergißt darüber, daß die eigene Sprache bereits eine Unendlichkeit von Nuancen, Synonymen und regionalen Besonderheiten enthält, die man nur zu heben brauchte, statt sie unter einem Berg von Importware zu begraben. Wer sich gegen die Einführung solcher (teilweise dummen) Worte und Wortkreationen zur Wehr setzt, dem wird – beinahe reflexartig – vorgeworfen, er wehre sich gegen sprachliche Vielfalt. Als ob die Vielfalt darin bestünde, das Eigene zu vergessen und das Fremde falsch nachzuäffen! Dabei kennt man noch nicht einmal die eigene Pracht.
Als Beispiel dafür mache man einen Blick in einen Bereich, der uns täglich begegnet: die Nahrungsaufnahme. Im deutschsprachigen Raum gibt es eine unbeschreibliche Vielfalt für haargenau das gleiche Lebensmittel oder Gericht, und diese Vielfalt ist kein Mangel an Einheitlichkeit, sondern der Beweis für die lebendige, atemholende Kraft der Sprache. Lustigerweise heißen bspw. die im Grunde gleichen Würstel in Frankfurt „Wiener“, jedoch in Wien „Frankfurter“. Man stelle sich das vor: Der Frankfurter nennt das Ding, das er ißt, nach der Stadt, in der er es nicht ißt, und der Wiener tut das gleiche in umgekehrter Richtung. Es ist, als würden sich zwei Nachbarn gegenseitig die Namen stehlen und dabei heiter bleiben. Die in weiten Teilen Österreichs als „Krapfen“ bezeichnete Köstlichkeit hat unzählige Namen: Bspw. „Berliner“. In manchen Gegenden heißt sie „Pfannkuchen“, in anderen „Faschingskrapfen“, und jeder Name trägt eine leichte Nuance von Lokalpatriotismus und kulinarischer Erinnerung in sich. Die österreichischen „Fleischlaibchen“ sind anderswo als „Fleischpflanzerl“, „Buletten“, „Frikadellen“ oder „Klopse“ bekannt – und jedes Wort schmeckt ein wenig anders, obwohl der Inhalt derselbe ist. Die „Palatschinken“ werden anderswo zu „Pfannkuchen“, und die „Frittaten“ zu „Pfannkuchenstreifen“ oder „Pfannenkuchenfädle“.
Für den sprachlich und kulinarisch ostösterreichische geprägten Menschen wird besonders kompliziert, wenn er dort mit Palatschinken namens „Pfannkuchen“, da mit Krapfen – ebenfalls als Pfannkuchen bezeichnet – konfrontiert wird. Faszinierend verwirrend.
Ähnliches bei den „Knödeln“: Hier sind sie „Klöße“, dort „Knödel“, und dazwischen liegen Welten von Butter, Semmel und Geschichte. Dasselbe gilt für „Stelzen“, „Eisbein“, „Schäufle“, usw…
Bei den Getränken wird es nicht besser: Was der eine „Limo“ nennt, heißt beim anderen „Brause“, und das „Sprudel“ kann je nach Region still oder sprudelnd sein, klar oder mit Geschmack. Und wer sich landauf, landab ein großes oder kleines Bier bestellt, wird in unterschiedlichsten Dimensionen seinen Durst löschen dürfen.
Man könnte stundenlang in diesem Wörterbuch der Alltagsküche blättern und fände immer neue Perlen. Der „Topfen“ ist anderswo „Quark“, der „Paradeiser“ ist ein „Tomate“, der „Erdapfel“, die „Grundbirn“ eine „Kartoffel“, und der „Kukuruz“ ein „Mais“. Und „Rahm“, „Schmand“, „Obers“ und „Sahne“ sind zwar anders, durchaus ähnlich und dann doch wieder gleich.
Selbst das tägliche Brot hat Namen, die von „Semmel“ über „Wecken“ bis zu „Schrippe“ und „Rundstück“ reichen, und jeder Name ist ein kleines Heimatstück. Diese Vielfalt ist keine Verwirrung, sondern Reichtum. Sie ist der Beweis dafür, daß die deutsche Sprache – und mit ihr die österreichische, schweizerische und alle dialektalen Varianten – bereits alles besitzt, was man braucht, um die Welt zu benennen, und zwar genauer, wärmer und menschlicher als irgendein importiertes Modewort.
Und doch stehen wir vor der Tatsache, daß wir noch nicht einmal die eigene Sprache in ihrer Pracht und Vielfalt ergründet haben, werden jedoch mit neuen, teilweise völlig unnötigen Begriffen belästigt. Es ist, als besäße man einen Keller voll alter, kostbarer Weine und ließe sie verstauben, während man draußen billigen Fusel aus Plastikflaschen trinkt und behauptet, das sei die Zukunft. Wenn man dann protestiert, kommt irgendein Depp und ruft: „Aber die Sprache lebt! Sie muß sich verändern! Vielfalt!“ Als ob die wahre Vielfalt darin bestünde, das Eigene zu vernachlässigen und das Fremde falsch auszusprechen. Die wahre Vielfalt liegt in den regionalen Unterschieden, in den Synonymen, in den feinen Schattierungen, die Jahrhunderte der Geschichte und der Mundart hervorgebracht haben. Sie liegt in dem, was man noch nicht einmal ganz kennt, geschweige denn ausgeschöpft hat.
Karl Kraus hätte dazu bemerkt, daß die Sprache nicht dadurch modern werde, daß man sie mit Fetzen aus dem Ausland behänge, sondern dadurch, daß man sie rein und scharf halte. Anton Kuh hätte gelächelt und gesagt, der Wiener brauche kein „Handy“, er habe schon immer ein „Telefon“ gehabt, und wenn es nötig war, sei er eben hingegangen. Friedrich Torberg hätte eine Anekdote erzählt von einem Kaffeehausgast, der „Public Viewing“ bestellte und eine Leiche serviert bekam. Und Peter Altenberg hätte einfach notiert: „Man esse Krapfen und nenne sie Krapfen. Alles andere ist Literatur.“
Es ist nicht die Abwehr des Fremden, die hier gefordert wird, sondern die Verteidigung des Eigenen gegen die eigene Bequemlichkeit und Eitelkeit. Man importiert Worte, weil man glaubt, sie klängen weltoffener, und vergißt darüber, daß die Weltoffenheit zuerst darin besteht, die eigene Welt zu kennen. Die deutsche Sprache hat Raum für tausend Namen für denselben Krapfen, für denselben Knödel, für dieselbe Wurst – und dieser Raum ist noch lange nicht ausgefüllt. Statt ihn mit Scheinanglizismen zuzumüllen, sollte man ihn erkunden, pflegen und genießen. Denn wer die eigene Vielfalt nicht kennt, der verdient die fremde nicht, und wer die fremde falsch nachäfft, der verliert beides.
So sitzt man denn im geistigen Kaffeehaus, betrachtet die sprachliche Landschaft und seufzt: Es wäre so einfach, so schön und so deutsch, bei den eigenen Worten zu bleiben und sie in ihrer ganzen Pracht zu entfalten. Statt dessen belästigt man uns mit „Bodybags“ und „Handys“, während draußen die Palatschinken kalt werden und die Frittaten ungegessen liegen. Ein Skandal, wahrhaftig – und doch nur einer unter vielen, die die Sprache täglich zu erdulden hat. Man kann nur hoffen, daß irgendwann wieder jemand kommt, der den Mut hat, „Krapfen“ zu sagen und dabei zu bleiben, und der dem nächsten Deppen, der „Vielfalt!“ schreit, höflich erwidert: „Zuerst die eigene, mein Lieber. Dann sehen wir weiter.“