WireCard, die ÖVP, die Blauen und ein wilder Spion

Quelle: screenshot Homepage WireCard / Twitter

Follow the Money!

Ein Kommentar.

„Nix Genaues was ma ned!“ wäre eigentlich die einzig ehrliche Zusammenfassung für die Vorgänge um WireCard und seine Ex-Manager Jan Marsalek und Markus Braun.
Obwohl… Nicht so ganz!
Was ursprünglich als „ganz normaler“ Wirtschaftskriminalfall mit Bilanzfälschungen in Milliardenhöhe – wahrscheinlich zum Zwecke der Kursmanipulation und Beeinflussung der Aktienkurse – begann, entwickelt sich zu einer peinlichen Schlammschlachtolympiade.

Der erste geworfene Schlammbatzen traf – na wen schon – die FPÖ. Aus dem gesuchten Jan Marsalek wurde ein Superspion mit ganz dubiosen Rußland-Connections gebastelt, der eine 15.000-köpfige Miliz in Libyen aufbauen wollte, das berühmt-berüchtigte Nervengift „Nowitschok“ herstellen konnte und seine Informationen aus den Geheimdiensten der Welt (natürlich auch des BVT) an die Freiheitlichen weitergegeben haben soll.
Hier haben die Füße der „Erzähler“ und „Mutmaßer“ schon längst vom Boden der Realität, der Glaubwürdigkeit und der Plausibilität abgehoben. Aber ganz weit.
Jetzt ernsthaft: Ein potentieller Produzent eines Nervengifts, hinter dessen Formel sämtliche Geheimdienste der Welt her sind, posaunt diesen Sachverhalt in die Welt, tritt regelmäßig als (damals noch gefeierter) Manager eines DAX-notierten Unternehmens auf und bastelt an einer paramilitärischen Gruppe, die eine höhere Mannstärke als das aktive Bundesheer (Berufssoldaten und Präsenzdiener) haben soll? All das bis vor wenigen Tagen unbemerkt von der ganzen Welt? Und das soll jemand glauben?



FPÖ-Hafenecker und sein Parteikollege Hans Jörg Jenewein taten gut daran, am Montag vormittag eine Pressekonferenz zu diesem Thema abzuhalten und vor allem die interessanten Verbindungen des WireCard-Managers Markus Braun zur ÖVP aufzuzeigen, noch bevor die ÖVP eine halbe Stunde nach ihnen die Anpatzereien durch ihre stellvertretende Generalsekretärin Gabriela Schwarz startete. Gerade Marsaleks Verbindungen in alle möglichen Richtungen dürften eher auf tiefschwarzen Schienen bestehen.



Ein klein bißchen Recherche genügt schon und man hat die zur Miliz umgedeutete Verbindung des Herrn Marsalek nach Libyen gefunden. Nämlich kaufte er (für sich oder andere) für einen kolportierten Preis von 20 Millionen Euro eine Zementfabrik im krisengebeutelten nordafrikanischen Land. Verkäufer war übrigens ein oberösterreichisches Unternehmen, die Bezahlung soll durch einen von Marsalek bei der Kontrollbank erwirkten Schuldennachlaß erfolgt sein. Dem Big Boss dieses damaligen Unternehmens, das auch seinen Namen trägt, kann man durchaus mehr als ein „gewisses Naheverhältnis“ zur ÖVP nachsagen. Dafür ist er in einer knallschwarzen Teilorganisation der ÖVP viel zu führend, viel zu aktiv. Und so nebenbei hat(te) genau dieses Unternehmen auch durch seine Ostgeschäfte einen starken Bezug zu Rußland. – Soweit also Marsaleks wilde Rußland-Connections…
(Wir nennen aus gutem Grunde nicht den Namen des oberösterreichischen Unternehmens. Es wäre unpassend, und es könnte der Eindruck entstehen, daß dieses Unternehmen in irgendeinen Zusammenhang mit den im Raume stehenden Straftaten steht, wegen denen gegen Herrn Marsalek ermittelt wird. Dies ist offensichtlich nicht der Fall und jeglicher Eindruck in diese Richtung soll vermieden werden.)

Schon 2017, lange bevor die Freiheitlichen etwas auf Regierungsebene entscheiden konnten, war Marsalek beim Verteidigungsministerium vorstellig geworden, um finanzielle Mittel für sein Zementwerk, das nun als Wiederaufbauprojekt in Libyen etikettiert war, zu erschnorren. (€ 120.000,– sollen dann tatsächlich irgendwann einmal geflossen sein.)



Überhaupt waren die beiden WireCard-Manager sehr umtriebig beim Netzwerken im Bereich der Einflußreichen, der Mächtigen. So flossen ganz ordentliche Spenden in Kanäle, denen man bei sehr höflicher Beschreibung ÖVP-, SPÖ- und Neos-Nähe nachsagen könnte. In aller Höflichkeit natürlich. Markus Braun war zudem lange Zeit noch in einem tiefschwarzen Think-Tank rund um die den Demokratiebegriff überstrapazierende Kurz-Beraterin Mei-Pochtler.
Überrumpelt vom plötzlichen Regierungseinzug der FPÖ standen die Herren nun auch dort auf der Matte und wollten ihr Netzwerk um eine Schattierung ins Blaue erweitern. Ein Termin bei Strache und Kontakthalten mit Gudenus war das Indiz des Bemühens von Herrn Marsalek. Ins Innenministerium hatte man scheinbar bereits ganz gute (schwarze) Kontakte, so ging dieser Kelch am damaligen Innenminister Kickl vorbei. – Ein Umstand, für den er heute sicherlich dankbar ist. Nicht auszudenken, welche Dreckschleuderorgie gegen ihn eröffnet worden wäre, wenn man ihm auch nur eine 20sekündige Aufzugsfahrt mit Marsalek oder Braun nachsagen hätte können…

Nüchtern betrachtet bleibt bei der ganzen Sache ja nicht wirklich viel übrig. Zwei Herren, für die selbstredend die Unschuldsvermutung gilt, dürften sich auf illegale Weise an dem Unternehmen, für dessen Fortkommen sie verantwortlich wären, bereichert.
Wie alle Top-Manager suchten sie die Nähe zur Politik, zu den Mächtigen, zu denen, die etwas in ihrem Sinne bewegen können. Und Hand auf ’s Herz: Da gehörte die FPÖ bis Anfang 2018 sicher nicht dazu. Ihre Macht lag bis dahin im Verhindern und Aufzeigen von besonderen Abscheulichkeiten der Regierungsparteien aber sicher nicht im Richten von Gesetzen. Und wenn man sich so wie die ÖVP und bei der seinerzeitigen FPÖ vor allem Strache und Gudenus auf Teufel komm raus ein Riesennetzwerk anlegt, wird man sich nicht wundern dürfen, wenn sich der eine oder andere Kontakt als faules Ei entpuppt. (Strache und Gudenus waren erwiesenermaßen ein besonders beliebtes Ziel ganz besonders fauler Eier.)



Warum sich die ÖVP nun so genötigt fühlt, den Blauen diese Geschichte ungerechtfertigterweise ins Gesicht zu werfen, muß einen Grund haben. Der bei der Aufklärung von vielen Ungereimtheiten erfolgreich angewandte Grundsatz „Follow the Money!“, bei dem man durch das Verfolgen der Geldflüße meist auch die Urheber und Nutznießer der Schweinereien ausfindig macht, wurde von der sonst so smarten und schlauen schwarz-türkisen Clique vollkommen übersehen. Warum nur?
Als gelernter Österreicher stellt man sich nun zwei Fragen:
Wovon soll abgelenkt werden? Und hat Christian Hafenecker, der FPÖ-Fraktionsführer im Ibiza-Untersuchungsausschuß eventuell ins Schwarze getroffen, als er anregte, den Ex-WireCard-Manager Markus Braun als Auskunftsperson im U-Ausschuß vorzuladen?



Es ist ein ekelerregendes Sittenbild, das hier die österreichische Politik, gestützt von nach Skandalen und Schlammschlachten geifernden Medien bietet.

Prost & Mahlzeit!


Bilder:
Titelbild: screenshot (Ausschnitt) Homepage WireCard / Twitter
Christian Hafenecker © FPÖ
Gabriele Schwarz © ÖVP / Sabine Klimpt
Soldaten mit Geländefahrzeug: Symbolbild / marokkanische Soldaten / Quelle: U.S. Marine Corps


Please follow and like us:

One thought on “WireCard, die ÖVP, die Blauen und ein wilder Spion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.