
Am 14. Oktober 2026 jährt sich zum 120. Male der Tag, an dem Johanna Arendt im hannoverschen Linden das Licht der Welt erblickte – jener Frau, die später als Hannah Arendt die politische Theorie des 20. Jahrhunderts so gründlich durchpflügte, daß man sich bis heute an den Furchen stößt. Sie starb am 4. Dezember 1975 in New York, und was sie hinterließ, ist kein bequemes Erbe, sondern ein Arsenal von Begriffen und Einsichten, die mancherorts lieber unter den Teppich gekehrt würden, weil sie unbequem sind und den Denkfaulen ins Gesicht springen. Arendt hat der trockenen Welt der Philosophie bewiesen, daß rationales Denken und Leidenschaft keineswegs im Kontrast zueinander stehen. Leidenschaftliches Denken ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Es kann beflügeln – und es hat beflügelt, bis hin zu jenen, die sich von ihren Thesen persönlich angegriffen fühlten und sie deswegen um so erbitterter bekämpften.
Geboren in eine säkulare jüdische Familie, früh vaterlos, von einer sozialdemokratisch gesinnten Mutter erzogen, las sie mit vierzehn Kant und Kierkegaard, als andere noch mit Schulhofgeschichten hantierten. In Marburg studierte sie bei Martin Heidegger, dem sie eine leidenschaftliche, heimliche Beziehung verband, die später biographisch ausgeschlachtet wurde, als sei das der Schlüssel zu ihrem ganzen Denken. Sie wechselte zu Karl Jaspers nach Heidelberg und promovierte 1928 – mit 22 Jahren! – über „Der Liebesbegriff bei Augustin“. Schon da klingt an, was später zur Gebürtlichkeit, zur Natalität, wird: der Mensch als Anfänger, der mit jeder Geburt neu in die Welt tritt und handeln kann. Die Dissertation verbindet Heidegger und Jaspers, betont die Welt und das Mitsein, und die Fachwelt murrte, weil sie Augustinus als Philosophen und nicht als Kirchenvater nahm. Typisch Arendt: sie dachte, wo andere Zitate aneinanderreihten.
Dann kam 1933. Gestapo-Haft, Flucht über Prag und Genf nach Paris, Arbeit für zionistische Organisationen, Assistenz jüdischer Jugendlicher auf dem Weg nach Palästina. 1941 die USA, Staatenlosigkeit, dann amerikanische Staatsbürgerschaft. Aus dem Exil heraus schrieb sie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, 1951 auf Englisch als „The Origins of Totalitarianism“ erschienen, 1955 auf Deutsch. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft – Nationalsozialismus und Stalinismus als die beiden historischen Ausprägungen, die den politischen Raum zerstören, den Menschen in die Massenvereinzelung treiben und Ideologien zu Prämissen machen, aus denen das Unheil mit Zwangsläufigkeit folgt. Nicht jede Diktatur ist totalitär; nur jene, die alle Lebensbereiche erfaßt und globalen Anspruch erhebt. Arendt war keine Systembauerin, sondern eine, die den Blick auf die Elemente lenkte, aus denen das Unheil wächst: die Gleichgültigkeit, das Nichtdenken, die Zerstörung der Pluralität.
In „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1958, deutsch 1960) zerlegte sie die menschliche Tätigkeit in Arbeit, Herstellen und Handeln. Das Handeln – das politische Handeln im öffentlichen Raum – ist an die Gebürtlichkeit gebunden. Jeder Neubeginn birgt die Möglichkeit, die Welt zu ändern. Verzeihen und Versprechen sind die Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit und Unvorhersehbarkeit des Handelns. Die Moderne aber habe den Menschen zum „animal laborans“ degradiert, die Massengesellschaft nivelliere, der Konformismus regiere, und das Politische trete hinter Produktion und Konsum zurück. Wer hier nur trockene Analyse sieht, übersieht die Leidenschaft, mit der Arendt den öffentlichen Raum verteidigte – jenen Raum, in dem Menschen erscheinen, sprechen und handeln, ohne sich hinter Bürokratie oder Ideologie zu verstecken.
Und dann der Knaller: „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ (1963). Arendt beobachtete den Prozeß gegen Adolf Eichmann, den Verwaltungsmassenmörder, den Schreibtischtäter, der „nur“ seine Pflicht tat, Phrasen dreschte und unfähig war, sich in den anderen hineinzuversetzen. Kein Dämon, kein Monster, sondern ein mediokrer Beamter, dessen Gedankenlosigkeit das Böse ermöglichte. „Die Banalität des Bösen“ – ein Begriff, der ihr unzählige Feinde schuf. Man warf ihr Verharmlosung vor, fehlende Liebe zum jüdischen Volk, und Freunde distanzierten sich. Gershom Scholem und andere tobten. Dabei hatte Arendt nur nüchtern beobachtet: Das Böse braucht keine teuflische Tiefe; es reicht die Oberflächlichkeit, die Verweigerung des Denkens. Mit zunehmender zeitlicher Distanz wurde der Begriff toleriert, ja inflationär benutzt – oft ohne die Hintergründe zu ergründen. Gerade hier zeigt sich, wie Leidenschaft und Ressentiments die nüchterne Betrachtung verdrängen können. Arendt selbst hatte Leidenschaft, aber sie ließ sie nicht das Denken überwuchern.
Aus ihren Veröffentlichungen läßt sich die von ihr häufig, lautstark und mit Kraft verteidigte Erkenntnis ableiten, daß es für ein totalitäres System nicht zwingend notwendig ist, über genügend böse, diabolische und gemeine Komplizen zu verfügen. Es genügt, wenn man genügend mehr oder weniger gleichgültige Nichtdenker zur Unterstützung hat. Menschen, die nicht darüber nachdenken, was sie tun, ob ihr Tun Gutes oder Böses bewirkt, sind genauso gefährlich wie die vom Schlechten beseelten Täter. Totalitarismus und institutionalisierte ungerechte Brutalität und Gewalt sind weniger an Weltanschauungen gebunden als an Denkmuster und verinnerlichte, meist rücksichtslose Lösungsansätze. Und der wichtigste Punkt ist das Vernachlässigen eigenständigen Denkens. Eichmann war der Prototyp: er gehorchte dem Gesetz, dem Führerwillen, und fühlte sich wie Pontius Pilatus bar jeder Schuld, als die „gute Gesellschaft“ auf der Wannseekonferenz zustimmte. Arendt bestand darauf: Es gab Wahlmöglichkeiten. Anton Schmid, der Juden rettete und dafür starb, beweist es. Dänemark, Italien, Bulgarien zeigen, daß Widerstand möglich war.
Hier fügt sich ein Satz ein, der zwar von Ingeborg Bachmann stammt – „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ –, aber so trefflich zu Arendts Denken paßt, daß man ihn getrost in ihrem Geiste verwenden darf. In einer Gesellschaft, die zumindest die Zielsetzung hat, aufgeklärt, fair und frei zu sein, ist dieser Satz von so klarer Logik und in Anbetracht der gelebten Realität ein Weckruf an die Menschheit, an die Politik, die Medien, an all jene, die sich das ihnen nicht zustehende Recht herausnehmen, über die Zumutbarkeit von Fakten für die Menschen zu entscheiden. Arendt hat in Essays wie „Wahrheit und Politik“ genau darüber nachgedacht: Die Lüge gehört zum Handwerk des Politikers, doch die faktische Wahrheit ist der Boden, auf dem wir stehen. Wer sie den Menschen vorenthält, weil sie „zu hart“, „zu komplex“ oder „zu spaltend“ sei, spielt mit dem Feuer der totalitären Versuchung. Die Massenmedien und die sozialen Netzwerke von heute, die algorithmisch filtern und zumuten, was dem jeweiligen Lager genehm ist, würden Arendt vermutlich zu beißendem Spott gereizt haben. Denn die Wahrheit ist den Menschen zumutbar – oder man hört auf, von Aufklärung zu reden.
Arendt ist eine der wirklich oft und augenscheinlich gern zitierten Geistesgrößen. „Die Banalität des Bösen“ kursiert in Feuilletons und Talkshows, oft so, als habe man das Buch gelesen. Begriffe wie Pluralität, Natalität, Vita activa geistern durch Seminararbeiten. Doch wer sie ernst nimmt, muß aushalten, daß sie unbequem war. Sie kritisierte die Judenräte, was ihr als Verrat ausgelegt wurde. Sie brach mit Heidegger wegen dessen NS-Engagement, traf ihn später wieder, ohne die Vergangenheit zu verklären. Sie bevorzugte Rätesysteme gegenüber rein repräsentativen Demokratien, weil sie die direkte Beteiligung wollte. Sie war keine Systemdenkerin, sondern eine, die „ohne Geländer“ dachte – ein Bild, das sie selbst gebrauchte.
Es ist heute sehr fraglich, ob Hannah Arendt mit ihrem rebellisch leidenschaftlichen Denken so gefeiert wäre, wie seinerzeit – als sie ebenso viele Gegner aufscheuchte –, oder ob sie der grassierenden Cancel Culture zum Opfer fallen würde. Man stelle sich vor: Eine jüdische Emigrantin, die den Eichmann-Prozeß beobachtet und dem Täter keine dämonische Größe zugesteht, sondern Gedankenlosigkeit attestiert. Die den Totalitarismus nicht nur rechts, sondern auch links verortet. Die Freundschaften riskiert, weil sie die Wahrheit höher stellt als den Konsens. In einer Zeit, in der Debatten abgebrochen, Vorträge gestürmt und Unliebsame aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden, sobald sie von der herrschenden Meinung abweichen – würde man Arendt heute einladen oder ausladen? Man würde sie vermutlich erst feiern, um sie dann zu canceln, sobald sie etwas sagt, das nicht ins Schema paßt. Denn leidenschaftliches Denken stört den Betrieb. Es beflügelt die einen und reizt die anderen zur Weißglut. Arendt hätte das mit einem ironischen Lächeln quittiert und weitergeschrieben.
Ihr Denken wirkt fort, weil es nicht veraltet. In einer Welt, in der autoritäre Systeme erstarken, in der Massenmedien und digitale Echokammern das Nichtdenken fördern, in der Fakten als Zumutung gelten, bleibt Arendt aktuell. Die Hannah-Arendt-Tage in Hannover, Filme, Vorträge und Diskussionsrunden zum 120. Geburtstag zeigen, daß man sich erinnert. Doch Erinnern allein genügt nicht. Man muß denken – leidenschaftlich, nüchtern, ohne Geländer. Denn die Alternative ist die Banalität, die das Böse ermöglicht, und die Gleichgültigkeit, die totalitäre Systeme am Laufen hält. Arendt hat uns die Werkzeuge hinterlassen. Ob wir sie benutzen, liegt an uns. Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar – und das Denken auch. Wer das für zu hart hält, möge sich an Eichmann erinnern: Er dachte nicht, und die Welt zahlte den Preis.
So viel zum 120. Geburtstag einer Denkerin, die nie bequem war und es auch heute nicht sein will. Man mag sie zitieren, man mag sie mißverstehen – aber ignorieren kann man sie nicht, ohne sich selbst der Gedankenlosigkeit zu überführen. Und das, liebe Leser, wäre die größte Banalität von allen.