R.I.P. Erni Mangold

Am 5. September 2026 ist die österreichische Schauspielerin, Regisseurin und langjährige Professorin Erni Mangold im Alter von 99 Jahren in Wien friedlich eingeschlafen. Mit ihr verliert die österreichische und deutschsprachige Kultur eine ihrer markantesten, eigenwilligsten und wahrhaftigsten Persönlichkeiten – eine Künstlerin, die über mehr als sieben Jahrzehnte Bühne, Film und Fernsehen mit unverwechselbarer Präsenz, Witz und unbeugsamer Haltung geprägt hat.

Geboren am 26. Jänner 1927 als Erna (Ernestine) Goldmann im Gasthaus ihrer Großeltern in Großweikersdorf in Niederösterreich, wuchs Erni Mangold in einer Künstlerfamilie auf. Der Vater war Lehrer, Schuldirektor und passionierter Maler, die Mutter hätte Konzertpianistin werden können, widmete sich aber lieber ihrer Familie. Als Wildfang und „Wirtshauskerl“ geprägt, entwickelte sie früh Schlagfertigkeit und Widerstandskraft. Schon als Jugendliche widersetzte sie sich sogar den Zwängen der NS-Zeit. Mit 15 Jahren besuchte sie parallel zum Gymnasium die Schauspielschule Krauss in Wien – auf Anregung des Vaters, der wollte, daß seine Tochter Künstlerin werde.

Nach dem zweiten Weltkrieg debütierte sie 1946 am Theater in der Josefstadt, wo sie bis 1956 engagiert war und ihren Künstlernamen Erni Mangold annahm. Mitte der 1950er-Jahre führte sie der Weg nach Deutschland: am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg unter Gustaf Gründgens und später am Düsseldorfer Schauspielhaus. Zurück in Wien spielte sie am Volkstheater, am Schauspielhaus und immer wieder an der Josefstadt. 2017, mit 90 Jahren, nahm sie mit der Rolle der Maude in „Harold und Maude“ an den Kammerspielen der Josefstadt feierlich Abschied von der Bühne – an eben jenem Haus, an dem ihre Laufbahn begonnen hatte.

Parallel zur Theaterkarriere stand Erni Mangold in rund 150 Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. Frühe Rollen in Filmen wie „Der Engel mit der Posaune“ (1948) und „Hanussen“ (1955) machten sie bekannt. Später war sie in „Kassbach“, „Der Bockerer“, zahlreichen „Tatort“-Folgen, „Kottan ermittelt“, „Kommissar Rex“ und „Der Alte“ zu sehen. International in Erinnerung bleibt ihre kleine, aber prägende Rolle als Handleserin in Richard Linklaters „Before Sunrise“ (1995). Noch 2020 spielte sie in „Das Geheimnis der Freiheit“ und „Schönes Schlamassel“. Bis ins hohe Alter blieb sie aktiv und energiegeladen.

Als Pädagogin hinterließ sie ebenfalls Spuren: Sie lehrte am Mozarteum, an der Schauspielschule Krauss, am Max Reinhardt Seminar und von 1984 bis 1995 als ordentliche Professorin an der Hochschule (später Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien. Viele junge Schauspielerinnen und Schauspieler verdanken ihr prägende Impulse.

Privat war Erni Mangold von 1958 bis 1978 mit dem deutschen Schauspieler Heinz Reincke verheiratet. Sie blieb kinderlos und lebte viele Jahre in einem alten Haus in St. Leonhard am Hornerwald im Waldviertel. Die Gemeinde benannte zu ihrem 80. Geburtstag die Sackgasse, an deren Ende ihr Haus liegt, in „Prof.-Erni-Mangold-Weg“ um – ein Geschenk, das sie selbst als eines der schönsten ihres Lebens bezeichnete. In ihren Memoiren „Lassen Sie mich in Ruhe“ (2011, erweiterte Ausgabe 2016) und dem späteren Bildband „Sagen Sie, was Sie denken“ blickte sie mit der für sie charakteristischen Direktheit auf ihr Leben zurück.

Erni Mangold war keine bequeme Persönlichkeit. Sie galt als widerborstig, schnoddrig, energisch und zäh – „ein Monstrum an Wahrhaftigkeit“, wie ein früherer Schüler sie einmal nannte. Sie sprach früh und offen über Mißstände in der Branche, lange bevor solche Themen breite Aufmerksamkeit fanden. Gleichzeitig besaß sie einen hellen Witz, Lebensklugheit und eine unerschütterliche Haltung: „Ich lehne mich nie zurück!“ war einer ihrer Leitsätze. Vor dem Tod hatte sie keine Angst. „Ich habe keine Angst. Auch nicht vor dem Tod“, sagte sie noch mit 90 Jahren.

Für ihre Leistungen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Kainz-Medaille, den Nestroy-Theaterpreis, den Österreichischen Filmpreis, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, den Goldenen Rathausmann und 2022 die Platin-Romy für das Lebenswerk. 2000 wurde sie zur Kammerschauspielerin ernannt.

Mit Erni Mangold verabschiedet sich Österreich von einer großen Schauspielerin und einer außergewöhnlichen Frau, die stets ihren eigenen Weg ging und bis zuletzt lebendig, unbeugsam und authentisch blieb. Ihre Wahrhaftigkeit, ihr Witz und ihre Unbeugsamkeit werden in Erinnerung bleiben. Die Theater- und Filmwelt trauert um eine Ikone.

Erni Mangold hinterlässt ein Lebenswerk, das Generationen geprägt hat – und das Vermächtnis einer Frau, die nie ein „blasses Etwas“ werden wollte.


Titel-/Vorschaubild: wikimedia / Franz Johann Morgenbesser / cc by-sa 2.0

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