Die verbotene Liebe einer Partei?

(Sehr selektive) Zusammenfassung des Geschehens ohne Höflichkeiten

Ein Kommentar.

Geschätzte Damen und Herren, die ganze Woche war das Abbild wunderbarster Normalität: Man wartete ungeduldig auf den Freitag. Jedoch nicht wegen des logischerweise darauffolgenden Wochenendes, wegen „Friday Nightmare“ oder dem „Saturday Night Fever“, sondern wegen des Urteils, nicht irgendeines Urteils, nein DES URTEILS!!! Er, der letzte (und nunmehr ehemalige) Erfolgspolitiker der ÖVP war Angeklagter und erwartete sein Urteil. Und wie immer, wenn ER, Sebastian Kurz, den man bisweilen völlig respektlos als Kindkanzler bezeichnet hatte, auftritt, waren die Medien nicht weit, war das öffentliche Interesse groß. Aus allen Himmelsrichtungen, aus aller Herren (und Damen) Länder, von Wladivostok bis Bakersfield, von Wellington bis Narvik, von überall kamen die Damen und Herren der Vertreter der Medien, um diesen vorläufigen Höhe- oder Tiefpunkt einer Karriere hautnah zu beobachten. Und ebenso wichtig war es all den Zaungästen, dieses (objektiv betrachtet) Niedergangs, umgehend davon zu berichten, zu kommentieren und natürlich zu spekulieren.

Die große Frage, die sich viele, teils sogar vernünftige Menschen stellen, ist, ob Sebastian Kurz zurück in die Politik kommt. Man frägt sich, ob er die ÖVP wieder übernimmt, den glück- und erfolglosen Kanzler Nehammer beseitigt und dann nahtlos – als ob nie irgendetwas gewesen wäre – bei den Erfolgen von 2019 anschließt? Man spekuliert wild umher, ob diese nicht rechtskräftige Verurteilung Auswirkungen auf allfällige politische Pläne von Sebastian Kurz haben könnte. Da meint man, Sebastian Kurz könnte vielleicht mit einer eigenen Liste, einer neuen Partei, auf dem politischen Parkett aufschlagen…
Und viele Beobachter zeigten sich überrascht über den sonst so souveränen (Andere nennen das „eiskalten“.) Ex-Kanzler, der in Anbetracht der Strafforderung der Staatsanwaltschaft von 12 bis 18 Monaten bedingt, und einer empfindlichen Geldstrafe, plötzlich kleinlaut wurde, kurzzeitig sogar verschreckt wirkte.

Auch wir wollen ein wenig dazu spekulieren, was nun aus dem Ex-Kanzler Sebastian Kurz, aus der ÖVP, wird, ob die nicht rechtskräftige Verurteilung zu acht Monaten Einfluß hat oder nicht…
Es ist durchaus wahrscheinlich, daß weite Teile der ÖVP den ehemaligen Superkanzler gerne zurück hätten. Nicht, weil er als Kanzler, als oberstes Organ der Exekutive so kompetent und sattelfest gewesen wäre – das war er nämlich gar nicht – sondern weil er einen modus operandi einführte, mit dem man den Schuldenberg der ÖVP abtragen konnte. Als Steuerzahler mit kritischem Blick hat man seit den Jahren, als Kurz das Kanzlerruder übernahm den Eindruck, daß sich die ÖVP nur noch aus den Ministerien heraus selbst bewirbt. Die Werbebudgets… Pardon! Die Budgets für Öffentlichkeitsarbeit wurden auf ein Vielfaches aufgebläht! Kompanien an Mitarbeitern in der Öffentlichkeitsarbeit verrichteten ihre Dienste in Ministerien und im Bundeskanzleramt. Man muß nicht erst betonen, daß die Koalitionspartner der Grünen diese „Unart“ umgehend kopierten und Geld raus bliesen, wie es die Welt, oder zumindest Österreich, zuvor nicht gesehen hatte.
Als ob man ein Finanzamt „bewerben“ müße… Es ist ja nicht so, als ob man es sich aussuchen kann. „Oh, Ihr Steuersatz paßt mir nicht, da laß ich mir von der Konkurrenz ein Angebot legen!“
Kurz wird auch sicher keine eigene Liste gründen, um mit ihr zur Wahl anzutreten. Kurz baut nichts auf, er ist kein Gründer, der bei Null beginnt, die politische Ochsentour erledigt, Strukturen von der kleinsten Ortsgruppe bis zum Bundesparteivorstand mit viel Arbeit, viel Fleiß, viel Zeit erarbeitet. Kurz hat gezeigt, was er will und wie er es macht: Er steigt auf das fertig gesattelte Pferd, dem er im Bedarfsfall einen neuen Namen und Anstrich verpasst. Und mit dem alten Pferd mit neuem Lack reitet er dann durchs Land, um jedem und jeder Wahlberechtigten – ob er und sie es hören wollen oder nicht – zu erzählen, daß er der neue Ritter und Retter in türkiser Rüstung sei, der die bösen Zeiten, die bösen Manieren, die bösen Eigenschaften abgestreift hat. Kurz verkaufte sich als Lichtgestalt, als die große Ausnahme. In Wahrheit entpuppte er sich als all das, was Herrn und Frau Österreicher seit Jahren an der Politik, an der ÖVP auf die Nerven geht. Er ist der personifizierte Verursacher der Politikverdrossenheit.
Und Sebastian Kurz hat sich am Freitag abend, als Plädoyers gehalten wurden, als Strafen gefordert und ausgesprochen wurden, höchstwahrscheinlich als das entpuppt, was zu sein scheint: Als abgehobener, wehleidiger und uneinsichtiger politischer Parvenü.
Als die Staatsanwaltschaft von ihrem Recht Gebrauch machte und eine deutliche Strafe forderte, schlief Kurz das Gesicht ein. Keine schlauen Sprüche mehr.
Dabei sollte dem geneigten Zuseher dieser Szenerie klar sein, daß diese Strafe nichts ist, gegen das, was er, Sebastian Kurz, und seine politischen Partner und Freunde mit einem kurzen Federstrich, ohne mit der Wimper zu zucken Tausenden Österreichern antaten.
Aber dafür stand er ja nicht vor Gericht. Vor Gericht stand er, weil er die Unwahrheit vor einem U-Ausschuß sagte.

Seine Freunde werden sich schon auf die eine oder andere Art weiter für ihn, den Wunderkanzler a.D. einsetzen. Sie werden weiterhin die wichtige Rolle eines U-Ausschusses runterspielen und als lächerlich darstellen. Und Freund Nehammer darf weiterhin den Platzwärmer spielen und wird nicht öffentlichkeitswirksam ausgetauscht. Zumindest nicht sofort, und nicht gegen Kurz.
Bei der ÖVP wird man nun fluchen, daß sie eben nicht in absehbarer Zeit auf den Wunderwuzzi Kurz zurückgreifen können.
Eine breite Mehrheit in Österreich ist allerdings dankbar für die Abwesenheit dieser Person von der politischen Bühne.

Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Sonntag!
Bleiben Sie uns gewogen!
Bitte unterstützen Sie die heimische Wirtschaft!


Fotos:
Titel-/Vorschaubild: wikimedia / kremlin.ru /
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Sebastian Kurz: wikimedia / European People’s Party /
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Karl Nehammer: wikimedia / Finnish Government /
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