
Der vierte Jahrestag des russischen Einmarsches in die Ukraine ist kein Jubiläum, das man begeht. Es ist ein Datum, an dem man innehält – sofern man dazu noch fähig ist. Vier Jahre Krieg, vier Jahre Blut, vier Jahre Zerstörung. Und vor allem: vier Jahre systematisch zerstörter Wahrheit. Denn wie es seit Aischylos gilt und seither in jedem Krieg aufs Neue bestätigt wurde: Das erste Opfer ist nicht der Soldat, nicht der Zivilist, sondern die Wahrheit.
Der Krieg der Narrative – Propaganda als Dauerbeschallung
Im Ukraine-Krieg ist diese alte Erkenntnis zur lärmenden Gewissheit geworden. Von Moskau wie von Kiew, von Washington wie von Brüssel, von Berlin, London und Paris werden wir täglich mit einer Kakophonie aus Jubelmeldungen, Durchhalteparolen, moralischer Selbstüberhöhung und wohl dosierten Gräuelgeschichten überschüttet. Jede Seite hat ihre Helden, ihre Märtyrer, ihre „entscheidenden Wendepunkte“, die sich im Wochentakt als haltlos erweisen.
Besonders unerquicklich ist dabei weniger die Propaganda der Kriegsparteien – diese ist erwartbar –, sondern jene der angeblich unbeteiligten Akteure. Die Regierungen der EU-Staaten haben es sich zur Gewohnheit gemacht, ihren eigenen Souverän wie einen unmündigen Statisten zu behandeln. Abweichende Einschätzungen gelten als „Desinformation“, Zweifel als „Putin-Nähe“, nüchterne Analyse als moralischer Defekt. Die Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern verordnet. Wer sie nicht nachspricht, gilt als verdächtig.
Grausam, ja – aber anders, als man uns erzählt
Der Krieg ist schrecklich. Das ist er immer. Doch gerade weil er schrecklich ist, wäre Präzision im Urteil geboten. Eine bemerkenswerte, oft unterschlagene Tatsache verdient Erwähnung: Es ist der erste große Krieg seit über hundert Jahren, in dem die militärischen Opferzahlen jene der zivilen übersteigen. Laut Schätzungen internationaler Organisationen – so bruchstückhaft sie auch sein mögen – liegt der Anteil ziviler Todesopfer deutlich unter jenem früherer Konflikte, vom Zweiten Weltkrieg bis Vietnam, vom Irak bis Syrien.
Das bedeutet keineswegs, daß dieser Krieg „human“ wäre. Es bedeutet lediglich, daß beide Seiten – aus eher strategischen, sicherlich nicht aus moralischen Gründen – versuchen, zivile Massentötungen zu vermeiden. Präzisionswaffen, Aufklärung, Drohnensteuerung: Die Technik zwingt zur Selektivität. Dieses Faktum paßt schlecht zur apokalyptischen Erzählung vom rein barbarischen Vernichtungskrieg – und wird daher selten erwähnt.
Diplomatie sabotiert – wenn Frieden politisch unerwünscht ist
Besonders unwürdig ist das Schauspiel der gescheiterten Friedensinitiativen. US-Präsident Donald Trump hat – ungeachtet aller sichtbaren persönlichen Antipathien – mehrfach versucht, Druck auf Wolodymyr Selenskyj auszuüben, um ihn zu realpolitischen Zugeständnissen zu bewegen. Jedes Mal, wenn in Kiew auch nur ansatzweise Gesprächsbereitschaft aufschien, folgte prompt der Einspruch aus Brüssel oder aus europäischen Hauptstädten.
Man konterkarierte, relativierte, sabotierte. Friedenssignale wurden als Schwäche ausgelegt, Verhandlungen als Verrat. Die Europäische Union, einst als Friedensprojekt gegründet, gerierte sich zunehmend als moralischer Kriegskommentator – laut und selbstgerecht. Diplomatie wurde nicht betrieben, sondern diskreditiert.
Vertrauensverlust als strategischer Brandbeschleuniger
Tag für Tag schwindet damit das ohnehin fragile Restvertrauen der russischen Seite in einen ernsthaften Friedenswillen des Westens. Warum sollte Moskau seine Operationen bremsen, wenn jede Gesprächsofferte als Trick gewertet wird? Warum stoppen, wenn man – langsam, verlustreich, aber stetig – Gelände gewinnt? Der Vormarsch ist kein Sturm, sondern ein Mahlwerk, ein gnadenloser Fleischwolf. Aber er funktioniert.
Diplomatie im Krieg ist auch Psychologie. Und nichts wirkt demotivierender als die Gewißheit, daß der Gegner gar keinen Frieden will – sondern den eigenen Zusammenbruch. In diesem Klima wird jede Sicherheitsgarantie zur Drohung, jedes Versprechen zur Falle.
Drohnenkrieg – wenn der Panzer zum Sarg wird
Militärisch erleben wir eine Zäsur. Der Ukraine-Krieg hat das Wesen moderner Kriegsführung radikal verändert. Anfangs dominierte noch das Arsenal des 20. Jahrhunderts: Kampfpanzer, Schützenpanzer, Bomber, Jagdflugzeuge. Heute beherrschen Drohnen das Schlachtfeld. Eine handelsübliche Drohne, bestückt mit dem Gefechtskopf einer alten sowjetischen RPG-7, Gesamtwert rund 500 Euro, kann einen Kampfpanzer im Wert von zehn Millionen Euro außer Gefecht setzen – oder in einen rollenden Sarg verwandeln.
Das Resultat ist ein strategisches Patt. Keine Seite kann größere Räume kontrollieren, ohne permanent von tausenden Augen aus der Luft überwacht zu werden. Die „Killing Zone“ des Bodenkriegs ist ohne Einsatz von konventionellen Luftstreitkräften dreidimensional geworden. Die Situation erinnert fatal an den Ersten Weltkrieg: Stacheldraht und Maschinengewehr zwangen die Armeen in den Stellungskrieg. Erst der Panzer brachte Bewegung zurück. Heute fehlt dieses Pendant. Der technologische Befreiungsschlag bleibt aus.
Frieden braucht Vertrauen – und keine Wunschträume
Frieden gedeiht nur dort, wo zumindest ein Rest Vertrauen existiert. Sicherheitsgarantien dürfen nicht als Vorstufe zur nächsten Eskalation wahrgenommen werden – egal von welcher Seite. Vor diesem Hintergrund wirkt der Wunsch Selenskyjs, die Ukraine bereits 2027 in die EU zu führen, nicht ambitioniert, sondern völlig verantwortungslos.
Ein hochkorruptes, kriegszerstörtes Land, ohne funktionierende Rechtsstaatlichkeit, ohne stabile Grenzen, soll Teil eines ohnehin hoffnungslos überdehnten Staatenbundes werden? Wer das ernsthaft erwägt, meint es weder gut mit der Ukraine, noch mit der EU oder mit Europa. Integration ist kein Trostpreis für geopolitisches Scheitern, sondern ein langfristiger Prozeß – oder sie ist gar nichts.
Schlußbemerkung: Der Mut zur Nüchternheit
Vier Jahre Krieg haben eines gezeigt: Moralische Aufrüstung ersetzt keine Analyse. Empörung ersetzt keine Strategie. Und Propaganda ersetzt keine Wahrheit. Wer Frieden will, muß sich von Illusionen trennen – und vom bequemen Glauben, daß immer die anderen schuld sind.
Vielleicht beginnt der Weg zum Frieden nicht mit der nächsten Waffenlieferung, sondern mit einem Satz, der heute als anstößig gilt: Laßt uns wieder reden. Ohne Schaum vor dem Mund. Ohne moralischen Exzeß. Ohne betreutes Denken.
Denn eines ist gewiß: Der Krieg endet nicht dann, wenn man ihn moralisch gewonnen hat – sondern dann, wenn jemand den Mut hat, ihn politisch zu beenden.