Zum Tag der Muttersprache

Sprache als Ursprung der Welt – Mit Sprache erschaffen wir Sinn, Ordnung, Identität und Macht.

Am Anfang war nicht das Feuer, nicht das Rad und auch nicht der Ackerbau. Am Anfang war die Sprache. Diese These, prominent formuliert von Yuval Noah Harari in Eine kurze Geschichte der Menschheit, ist provokant – und zugleich bestechend einfach. Denn mit der Sprache beginnt nicht nur Kommunikation, sondern eine völlig neue Form von Wirklichkeit. Der Mensch wird nicht deshalb zur dominierenden Spezies, weil er stärker, schneller oder intelligenter ist als andere Tiere, sondern weil er Geschichten erzählen kann. Und weil viele Menschen bereit sind, an dieselben Geschichten zu glauben.

Diese Fähigkeit zur kollektiven Imagination ist der eigentliche Motor der Menschheitsgeschichte. Sprache erlaubt es, Dinge zu behaupten, die nicht sichtbar, nicht beweisbar, nicht materiell greifbar sind – und sie dennoch als real zu behandeln. Götter, Nationen, Geld, Gesetze, Menschenrechte, Firmen, Märkte, Moralvorstellungen: All das existiert nicht in der Natur. Es existiert nur, weil wir darüber sprechen, weil wir uns darauf einigen und weil wir diese Einigungen sprachlich immer wieder bestätigen und reproduzieren.

Sprache erlaubt es, Dinge zu behaupten, die nicht sichtbar, nicht beweisbar, nicht materiell greifbar sind
Schon in den frühen Jäger- und Sammlergesellschaften erklärt Sprache die Welt. Donner ist nicht einfach ein physikalisches Phänomen, sondern der Zorn eines Gottes. Die Jagd gelingt nicht zufällig, sondern weil ein Opfer dargebracht wurde. Diese Geschichten schaffen Ordnung in einer unüberschaubaren Welt. Sie geben Halt, Sinn und Struktur – unabhängig davon, ob sie „wahr“ sind. Entscheidend ist allein, dass sie geglaubt werden. Wahrheit wird hier nicht empirisch geprüft, sondern sozial hergestellt.

Dieses Prinzip hat sich bis heute nicht verändert. Es hat nur seine Form gewechselt. Die Götter heißen heute nicht mehr Zeus oder Thor, sondern Markt, Wachstum, Sicherheit oder Demokratie. Der Mechanismus bleibt identisch: Eine abstrakte Idee wird durch Sprache so lange wiederholt, ritualisiert und institutionalisiert, bis sie als Realität gilt.

Besonders deutlich wird das in der modernen Wirtschaft. Eine Aktiengesellschaft ist kein physisches Objekt. Sie hat keinen Körper, kein Bewusstsein, kein Gewissen. Und doch kann sie Milliarden bewegen, Länder beeinflussen, Kriege indirekt befeuern oder ganze Regionen verarmen lassen. Wem gehört eine Firma? Juristisch: niemandem. Real: allen, die an die Geschichte glauben, dass sie existiert. Manager und Vorstände übernehmen dabei die Rolle moderner Priester. Sie deuten Zahlen wie einst Orakelzeichen, verkünden Quartalsberichte statt göttlicher Offenbarungen und werden entweder gefeiert oder gestürzt – je nachdem, ob das Glaubenssystem „funktioniert“.

Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit – sie erzeugt sie. Und wer Sprache und Begriffe kontrolliert, kontrolliert auch die Deutung des Abstrakten und Realen
Wenn ein Banker scheitert, fällt er in Ungnade. Wenn er Erfolg hat, wird er vergöttert. Der Unterschied zur Religion ist geringer, als wir gern glauben. Auch dort steht der Priester vorne, spricht festgelegte Worte, vollzieht Rituale – und aus einer Oblate wird plötzlich der Leib Christi, aus Wein Blut. „Hokus Pokus“ ist keine bloße Karikatur, sondern der ehrliche Kern religiöser Sprachmacht: Worte erschaffen Wirklichkeit, solange genug Menschen daran glauben.

Andere Religionen treiben diese Unveränderlichkeit der Sprache noch weiter. Im Islam gilt der Koran als wortwörtliche Offenbarung Gottes, unveränderbar, zeitlos, jenseits historischer Entwicklung. Sprache wird hier eingefroren, sakralisiert, gegen Kritik immunisiert. Doch auch das ist keine Besonderheit des Islams, sondern eine extreme Ausprägung eines universellen menschlichen Bedürfnisses: Die Angst, dass sich mit veränderter Sprache auch die Ordnung der Welt auflöst.

Und genau hier wird Sprache politisch brisant. Denn Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit – sie erzeugt sie. Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert die Deutung. Gut und Böse sind keine Naturkategorien, sondern sprachliche Zuordnungen. Gleiches gilt für Identitäten. Wenn Sprache beginnt, Menschen in immer feinere Gruppen einzuteilen, entstehen neue Zugehörigkeiten – und neue Feindbilder.

Begriffe wie „Nazi“, „Faschist“, „rechts“, „links“, „progressiv“ oder „reaktionär“ funktionieren dabei wie moralische Zauberformeln. Sie ersetzen Argumente durch Etiketten. Wer benannt ist, ist festgelegt. Sprache wird zur Waffe. Gruppen formieren sich um diese Begriffe, huldigen ihnen, verteidigen sie, bekämpfen andere Gruppen, die andere Geschichten erzählen. Bewegungen wie Antifa oder „Omas gegen rechts“ folgen dabei demselben Prinzip wie ihre Gegner: Sie schaffen Sinn durch Abgrenzung. Die jeweils eigene Geschichte gilt als moralisch überlegen, die andere als gefährlich oder illegitim.

Auch das Gendern ist weniger ein sprachliches Detail als ein symbolischer Machtkampf. Es geht nicht nur um Sichtbarkeit, sondern um Deutungshoheit. Wer definiert, was gesagt werden darf? Wer bestimmt, welche Worte verletzend sind? Wer entscheidet, welche Identitäten anerkannt werden? Sprache wird hier zum zentralen Schlachtfeld gesellschaftlicher Ordnung. Und wie immer gilt: Die Regeln sind nicht beweisbar, sondern vereinbart. Sie sind Konstruktionen – wirksam, solange sie akzeptiert werden.

Was hält die Welt zusammen? Es ist die Sprache. Mit dem Verfall von Sprache vergehen Reiche, Religionen, Wirtschaftssysteme und selbst Moralvorstellungen.
Damit schließt sich der Kreis zu Harari. Die Welt, in der wir leben, ist keine objektive Gegebenheit, sondern ein Geflecht aus erzählten Wirklichkeiten. Sie hält nicht, weil sie wahr ist, sondern weil sie erzählt wird. Sobald die Geschichten zerbrechen, zerfallen auch die Ordnungen: Reiche, Religionen, Wirtschaftssysteme, Moralvorstellungen.
Am Ende steht Goethes Faust, der verzweifelt fragt, was die Welt „im Innersten zusammenhält“. Seine Suche führt ihn durch Wissenschaft, Magie und Philosophie – und doch liegt die Antwort näher, als er ahnt. Es ist nicht ein metaphysisches Prinzip, kein Gott und keine Naturkraft. Es ist die Sprache. Mit ihr erschaffen wir Sinn, Ordnung, Identität und Macht. Mit ihr lügen wir, hoffen wir, glauben wir. Und ohne sie bleibt nichts als eine chaotische, stumme Welt.

Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob unsere Geschichten wahr sind. Die Frage ist, welche Geschichten wir erzählen wollen – und welche Konsequenzen wir bereit sind, dafür zu tragen.

Mag. Dr. Rudolf Moser
Weltenbummler, Soziologe, Publizist und unterstützendes Mitglied der IG-Muttersprache


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