„Wenn alle untreu werden“ – Rehabilitation eines Liedes

Max v. Schenkendorf

Wenige Tage nachdem die österreichische Nationalratswahl abgehalten wurde, scheint der dazugehörige Wahlkampf in seine schmutzige Phase eingetreten zu sein.
Richtig schmutzig, richtig dreckig ist dieser „Wahlkampf“, der nicht mehr als eine Beeinflussung der allfälligen Sondierungs- und Koalitionsgespräche darstellt, wenn man mit möglichst wüsten Unterstellungen, mit einem „Overkill“ an Dreckschmeißereien und einem gerüttelten Maß an Dummheit und bewußtem Nichtverstehen an die jeweilige Sache, die jeweilige Kampagne heran geht.

Nicht nur unanständig, sondern auch bedauerlich, ja traurig wird es, wenn man sich beim Konstruieren eines Vorwurfs, einer Unterstellung, teilweise gar Verleumdung, eines Stücks Kulturgut, vielleicht eines Buches, eines Gedichtes, in diesem Falle eines Liedes bedient.
Durch die (partei?-) politisch motivierte Herabsetzung und Verteufelung einzelner Kulturgüter geht immer ein Stück Identität und Geschichte verloren, da es Leichtgläubige gibt, die meinen, daß man derart in Verruf geratene Texte, Melodien, etc. auf keinen Fall mehr bewahren dürfe.

Liederbuch, 1850

In der letzten Septemberwoche trafen sich Menschen in Wien zu einem stillen und traurigen Anlaß. Der frühere freiheitliche Bezirkspolitiker Walter Sucher war verstorben und Familie, Angehörige, Wegbegleiter und Freunde begleiteten ihn auf seinem letzten Weg.
Dem Vernehmen nach war es Walter Suchers Wunsch, daß bei seiner Beerdigung auch das Lied „Wenn alle untreu werden“ gesungen wird. Dem wurde dann auch entsprochen.
Dies ist auch nicht verwunderlich. Schließlich gehörte Walter Sucher einer Wiener Burschenschaft an und besagtes Lied ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Stammrepertoire studentischer Lieder.
Weniger pietätvoll als die Trauergäste benahmen sich die Vertreter eines linksextremen „Aufklärungstrupps“, die nichts Besseres zu tun hatten als die Teilnehmer der Beerdigung filmisch und fotografisch festzuhalten. Das Material mit einer bemerkenswert hohen Tonqualität (Was bei den Wind- und Wetterverhältnissen und dem Abstand des Aufnahmegeräts zu den Trauergästen doch verwundert.) wurde dann einer lachsrosa Tageszeitung zugespielt, wo man daraus – offensichtlich ohne Recherche, ohne einmal entsprechend nachzufragen – einen Skandal bastelte. Gänzlich wahrheitswidrig wurde behauptet, man hätte ein SS-Lied gesungen. – Ein weiterer Einzelfall…
Und als „Beweis“ diente, schlußendlich nicht nur bei besagtem Lachsrosa Blättchen, sondern auch bei anderen plötzlichen, unerwarteten, doch dafür selbst ernannten Musikhistorikern, die letzten zwei Zeilen der vierten Strophe des Liedes:
„Wir woll`n das Wort nicht brechen, nicht Buben werden gleich,
woll`n predigen und sprechen vom heil`gen deutschen Reich!“

Nun wurde insinuiert, der Textteil „… vom heil`gen deutschen Reich!“ sei eine der vielen Textänderungen, die dieses Lied im Laufe der Jahrhunderte erfahren habe, allerdings sei genau diese Textänderung der Hinweis darauf, daß es sich um die „SS-Version“ des Liedes handle. Auf die Idee, daß es auch außerhalb der Zeit des dritten Reichs den Begriff des „heiligen deutschen Reichs“ gegeben haben könnte, war man in der Redaktion des lachsrosa Blättchens nicht gekommen. Auch der ORF fragte sicherheitshalber beim „Rechtsextremismusforscher“ Andreas Peham an, der sich sogar so weit hinausließ, im Singen dieser Textzeile einen nach dem NS-Verbotsgesetz verfolgbaren Tatbestand zu erkennen. Es wurde immer schrottiger!

Liederbuch, 1850

Das Lied selbst, die Zeit seiner Entstehung und seinen Urheber Max von Schenkendorf hingegen sah sich niemand an.
Auf wikipedia bspw. wird behauptet, besagte letzte Zeile wäre von Max v. Schenkendorf folgendermaßen verfasst worden:
„… woll`n predigen und sprechen von Kaiser und von Reich!“
Als Beleg dafür wird eine Ablichtung eines Gedichtbandes von 1815 angeführt. Daß eventuell die hier angeführte Stuttgarter Variante nicht mehr dem Original entsprechen könnte, wird nicht in Erwägung gezogen.

Max v. Schenkendorf (* 1783, † 1817 ), ein Humanist und Patriot, dessen Schriften zur Zeit der napoleonischen Besatzung verboten wurden, war ein Mensch der Freiheit. Er zeichnete sich durch hohen Mut und Idealismus aus. Von Schenkendorf, der auch Freimaurer war, war bei einem Duell so schwer verwundet worden, daß seine rechte Hand gelähmt blieb. Trotzdem meldete er sich1813 als Freiwilliger zu den Befreiungskriegen. Er war damals, als Kind seiner Zeit, mit ein geistiger Wegbereiter der Idee eines konstitutionellen deutschen Staates, losgelöst von der Willkürherrschaft der unzähligen kleinen Fürsten und Könige. Insofern passt die Idee, er hätte in einem Lied den Wunsch geäußert, „von Kaiser und von Reich“ zu predigen eher unglaubwürdig. Vor allem bleibt die Frage, welchen Kaiser er im Jahr 1814 gemeint haben soll: Der selbsternannte französische Kaiser Napoleon wird es kaum gewesen sein. Und es ist sehr zu bezweifeln, daß der Preuße v. Schenkendorf eine besondere Liebe zum Habsburger-Kaiser entwickelt hatte, nachdem genau dieser Habsburger, Kaiser Franz II., auf Napoleons Forderung hin das heilige römische Reich deutscher Nation zu Grabe trug, um dann als Franz I., als Kaiser von Napoleons Gnaden des Kaisertums Österreich, weiter herrschen zu können.
Viel zu wenig ist die Geschichte dieses Liedes erforscht, viel zu wenig von den Umständen der Entstehung bekannt. Gewidmet war es ursprünglich dem Turnvater Jahn, einem bekannten wie verbissenen Gegner der französischen Herrschaft.

Liederbuch, 1850

In studentischen Liederbüchern findet sich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Version mit dem „heil`gen deutschen Reich“, womit die Behauptung, es handle sich um eine „SS-Lied“ und der abstruse Gedanke, das Absingen müße strafrechtlich verfolgt werden, wohl ad absurdum geführt sind.
Man muß vielmehr aufpassen, welche Lieder sonst noch irgendwo drinstehen… Vielleicht findet sich „Oh Tannenbaum“ in einem Liederbuch der Hitlerjugend, der SS oder der SA? Es ist nicht abwegig. Überliefert sind auf jeden Fall Bilder und Berichte von Geburtstagsfeiern in NS-Organisationen. Soll auch hier künftig Vorsicht geboten sein? Oder wollen wir auf Nummer sicher gehen und solche Feierlichkeiten gleich untersagen.
Vielleicht würde es einfach schon genügen, wenn man mit mehr Anstand in die politische Auseinandersetzung ginge und nicht Kulturgut madig macht, um es dem politischen Gegner um die Ohren zu hauen.

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2 thoughts on “„Wenn alle untreu werden“ – Rehabilitation eines Liedes

  1. Ein empfehlenswerter Beitrag, den diejenigen, die ihn beherzigen sollten, wahrscheinlich nicht verstehen. Ein herzlicher Dank dem Verfasser dieses Beitrags!

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