
Stil, Style oder Geschmacklosigkeit
Ein Kommentar.
Seit der Angelobung von Dr. Wolfgang Mückstein bewegt die zivilisierte Welt weniger seine politische Agenda, sondern sein eigenwilliges Verständnis für Garderobe. Der frischgebackene Gesundheitsminister, der zwar im dunklen Anzug, mit weißem Hemd, dafür ohne Krawatte und in Sneakers seine Eidesformel leistete, spaltet die Geister.
„Sowas gehört sich nicht!“, rufen die Verfechter einer klaren und beinahe konservativen Linie bei der Garderobenwahl. „Das ist einmal ‚was anderes und hat nichts mit seiner Qualifikation zu tun!“, werfen die Befürworter des als #sneakergate in die Geschichte eingehenden Fauxpas ein.
Aber was nun? Wer hat nun recht?
Losgelöst von der unumstößlichen, immerwährenden, ja in alle Ewigkeit gültigen Tatsache, daß Sportschuhe zum Anzug einfach lächerlich, ja sogar blöde aussehen, sei festgehalten: Es ist Geschmackssache. Und nicht jeder hat Geschmack.

Die Laufschuhe zum Anzug sind keine besonders neue Erfindung und schon gar nicht haben sie den Hintergrund eines „Statements“ oder einer „Kritik“, sondern einen beinahe banalen Hintergrund: In den späten 1970ern und in den 1980ern, als der New Yorker Börsenplatz ein absolutes Hoch erlebte, unzählige junger und hungriger Uni-Absolventen dort ihr berufliches Glück suchten, waren diese jungen Wilden noch weniger mit eigenen Limousinen oder Hubschraubern unterwegs, sondern – ganz banal – zu Fuß oder mit der U-Bahn. Die Kleidungsvorschriften der großen Finanzunternehmen schrieben allerdings Anzüge, Hemden, Krawatten und selbstverständlich Lederschuhe in der passenden Farbe vor. Gute Schuhe waren (und sind) jedoch teuer, weshalb die Wolfswelpen der Wallstreet die guten und kostbaren, oft handgemachten Schuhe nicht im Dreck der U-Bahn und dem Schmutz der Straße trugen. Hier trug man Laufschuhe, die bequemer und billiger waren. So waren die jungen Nachwuchsbroker auf der Straße, in der U-Bahn in den Sportschuhen unterwegs, die sie – im Büro angekommen – umgehend gegen die oft in der Aktentasche mitgeführten Brogues oder Oxfords tauschten. Und all das lange, bevor sich ein späterer grüner Außenminister Joschka Fischer in Turnlatschen zum Abgeordneten vereidigen ließ.

Nun darf man getrost davon ausgehen, daß Dr. Mückstein kein kleiner Börsenhändler ist, der auf dem Weg zum Büro versehentlich durch die Hofburg stolperte und – weil er halt gerade da und der Posten vacant war – zum Minister gemacht wurde.
Der Auftritt im wie Polyester glänzenden Anzug mit Sportschuhen ist ein Statement, eine gesellschaftspolitische oder auch nur persönliche Aussage und Ansage. Und derartigen Aus- oder Ansagen haben hier noch weniger verloren. Beim Amt des Ministers geht es schließlich nicht um einen persönlichen Entfaltungswettbewerb oder eine Einrichtung parteipolitischer Selbstdarstellung. Dr. Mückstein hat in dem Moment, in dem er zum Minister, also Diener der Republik Österreich wird, seine persönlichen und parteipolitischen Präferenzen hintanzustellen. Er hat sich in ein hoffentlich funktionierendes System einzubringen und auch deren Spielregeln und Konventionen zu übernehmen. Nicht umsonst gibt es die in Österreich ungeschriebenen Gesetze eines gewissen Bekleidungscodes. Diesen nicht zu beachten, weil meinen „seinen eigenen Stil“ beweisen will, zeugt von einer gewissen Respektlosigkeit. Die Angelobung ist nicht seine Party, sondern die Veranstaltung der Republik und seiner Bürger.

Wie würden die Befürworter dieses Auftritts wohl mit einem geladenen Gast zu ihrer Hochzeit, oder gar einer Beerdigung umgehen, wenn dieser plötzlich in farbenfrohen Gummistiefeln, Ruderleiberl und Elton Johns Sonnenbrillen auftaucht? Und genau das tat der Mann mit seinem Aufzug.

Es wird Zeit, wieder einmal objektiv darüber nachzudenken, ob das komplette Außerachtlassen gesellschaftlicher Konventionen, ungeschriebener Benimmregeln wirklich ein Ausdruck besonderer Individualität ist, oder einfach nur rücksichtslose Gedanken-, Respekt- und Geschmacklosigkeit.
Fotos:
Sportschuhe s/w-Bild © Boris Thaser