Schlachtfeld Verkehrspolitik

Jeder gegen jeden?

Österreichs Verkehr, das Aufkommen an Personen und Gütern innerhalb, von oder durch Österreich wird über kurz oder lang wieder steigen. Die diesbezüglich behaupteten Einbrüche wegen der Corona-Krise sind schwer wahrnehmbar. Und eine der großen, wenn nicht die größte und bedeutendste Route läuft von Ungarn und der Slowakei nach Deutschland. Entlang der Donau, über die Westbahn, bzw. die A1, die Westautobahn. Vier der neun Landeshauptstädte (inkl. Wien) liegen an dieser gedachten Trasse und über die Hälfte der Österreicher lebt und arbeitet durch diese auf vielen Ebenen gut ausgebauten Verkehrsverbindung.



Vor allem der öffentliche Verkehr ist wunderbar getaktet, gut organisiert und sehr bequem, wenn man bspw. von der Landeshauptstadt Linz in die Bundeshauptstadt Wien gelangen will. Rund 90 Minuten dauert es bei ausschließlicher Nutzung von Öffis, und man ist von der Linzer Innenstadt in die Wiener City gelangt. Unmöglich, dies mit dem eigenen Pkw oder Motorrad zu schaffen!



Etwas weniger prickelnd wird es, wenn man im oberösterreichischen Mühlviertel, oder in Niederösterreich im Waldviertel oder Weinviertel lebt, oder sonst irgendwo abseits der gut ausgebauten Verkehrsrouten. Hier sind nach wie vor Gegenden, in denen man auf den eigenen Pkw angewiesen ist, um einzukaufen, zur Arbeit zu fahren oder Freunde und Verwandte zu besuchen.
Die oft zitierte „Nahverkehrsmilliarde“ aus dem ehemaligen BMVIT, nunmehrigen Klimaschutzministerium scheint – so der Eindruck des Steuerzahlers und Verkehrsteilnehmers – nicht losgelassen zu werden, geschweige denn, jemals anzukommen. Und so sind nach wie vor viele Berufspendler gezwungen, mit dem eigenen Pkw in die Ballungszentren zu fahren.



In den Ballungszentren entspinnt in der Zwischenzeit ein Kampf zwischen den Gegnern des motorisierten Individualverkehrs und den Berufspendlern. Besonders unrühmlich und jegliche Fakten ignorierend tun sich dabei diverse „Interessensvertretungen“ hervor.
Das jüngste Beispiel für den Versuch ein ohnehin erhitztes Verkehrsklima und die Gemüter der Betroffenen zum Überkochen zu bringen, haben wir in Linz beobachtet, wo die „Radlobby Oberösterreich“ gemeinsam mit anderen „Interessensvertretern“ zu einer Demonstration auf der zur Genüge durch Pkw-Verkehr belasteten Nibelungenbrücke einlädt. Man will einen „Pop Up-Radweg“ auf einem Fahrstreifen im Rahmen dieser Demo einrichten. Das Ganze zur Stoßzeit zwischen 16:00 und 18:00. – Zur Erinnerung: Nach einer Volksbefragung wurde eine der Linzer Brücken, die sogenannte Eisenbahnbrücke, eine damals kleine Brücke für Kfz-, Fußgänger- und Fahrradverkehr, sowie gelegentliches Übersetzen von Eisenbahngarnituren, abgerissen. Am Ersatz wird fieberhaft gebaut. Der Linzer Verkehrsstadtrat DI Hein, sowie der zuständige oberösterreichische Verkehrslandesrat Mag. Steinkellner (beide FPÖ) hatten alle Hände voll zu tun, um das häufig prophezeite, doch bis heute noch nicht eingetretene Verkehrschaos zu vermeiden.


Symbolbild auf der Einladung zur „Demonstration“.

Speziell DI Hein machte schon öfters von sich reden, als er bspw. laut andachte, den Linzer Hauptplatz für unnötigen Kfz-Verkehr endgültig sperren zu lassen. Diese durchaus nachvollziehbare Lösung zur Wiederbelebung des Linzer Hauptplatzes ergibt bei näherer Betrachtung durchaus Sinn: In Linz, genauso wie in jeder anderen größeren Innenstadt Österreichs fahren in Wahrheit nur zwei Gruppen von Autofahrern herum. Schließlich macht das Fahren in den stark belasteten Innenstädten wirklich keinen Spaß: Einerseits die, welche tatsächlich dort wohnen, dort zu tun haben und auf ihren Pkw (bspw. zum Transport) angewiesen sind, Zulieferer oder Fahrer von Dienstwagen. Die zweite Gruppe läßt sich mit einem Wort beschreiben: Deppen.
Ein Fahrverbot auf dem Linzer Hauptplatz würde nur die zweite genannte Gruppe betreffen.



Zurück zur Nibelungenbrücke: Die hier organisierte Demo trifft und ärgert ebenfalls im Prinzip nur Menschen, die kaum eine andere Wahl haben, als auf den eigenen Pkw zurückzugreifen. Kaum jemand aus dem nördlichen Mühlviertel würde mit seinem Auto nach und durch Linz fahren, wenn es die über die ganze Stecke entsprechenden infrastrukturellen Ausstattungen gäbe, auf die man in den Ballungszentren jederzeit zurückgreifen kann. Selbstredend wird es weder sinnvoll, noch notwendig sein, Schnellzüge zwischen Hühnergeschrei und Linz im 15 Minuten-Takt hin und her zu jagen. Aber ein Ausbau des Öffi-Angebots schreit nach Umsetzung. So lange man mit Öffis drei bis vier mal so lange für den Weg benötigt, wie mit eigenen Kfz, ist es absolut nachvollziehbar, daß die Menschen ins eigene Auto steigen.
Diese Leute, die nicht aus Bequemlichkeit oder um ihren sozialen Status mit einem Luxusflitzer zu beweisen, mit dem eigenen Auto fahren, werden bei einem der heikelsten Nadelöhre des Linzer Verkehrs von Demonstranten gepiesackt, denen der wichtigste Aspekt des Strassenverkehrs gänzlich fremd ist: Rücksichtnahme.
DI Hein äußert sich dazu: „Es ist eine sehr unüberlegte Anregung. Denn über diese Brücke führen alle regionalen Buslinien. Wenn schon das Auto verteufel wird, sollte zumindest der ÖV ins Umland nicht unattraktiver werden… Bei dieser Pendlerfeindlichkeit mache ich nicht mit!“



Nach wie vor nicht nachvollziehbar ist, was nun aus der „Nahverkehrsmilliarde“ wird, ob und wann sie in Umsetzung kommt. Zur Belebung der Baubranche wäre sie gerade jetzt ein absolut vernünftiger Schritt!
Aber es wird aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen rund um die Bundesministerin Gewessler (Grüne) gemunkelt, daß sie erheblich mehr Interesse an einer Senkung der Ticketpreise hat, und lieber dafür das Steuergeld einsetzt. Man munkelt weiter, daß sie auf diesem Wege einen beruhigenden und versöhnlichen Schritt in Richtung ihrer Wähler, die eher in Ballungszentren angesiedelt sind, machen will.
Nach wie vor ein Trauerspiel.



Fest steht, daß eine nachhaltige Entlastung nur durch einen Ausbau des Öffi-Netztes und nicht durch das Verärgern und Quälen von Verkehrsteilnehmern erreicht wird.




Bilder:
Foto/Graphik Radweg Nibelungenbrücke Linz: screenshot Facebook / Radlobby Oberösterreich
LINZ AG Straßenbahn © wikimedia / Linie29 / cc by-sa 3.0 at
S-Bahn Netzplan OÖ © wikimedia / Arbalete / cc by-sa 4.0

Hauptplatz Linz © wikimedia / Tokfo / cc by-sa 3.0 at

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