
Es gibt Zeiten, in denen man Dinge sagen muß, die so selbstverständlich sind, daß ihr bloßes Aussprechen schon als Provokation gilt. Eine solche Selbstverständlichkeit lautet: Österreich braucht keine neue Sprache. Und die Österreicher brauchen schon gar keine, die ihnen von Funktionären, Aktivisten oder sprachpolitischen Wanderpredigern verordnet wird, deren Lebensrealität sich überwiegend in Redaktionsstuben, Universitätsseminaren und Fördertöpfen abspielt.
Sprache ist kein Reißbrettprojekt. Wer sie dazu macht, begeht keinen Fortschritt, sondern einen Übergriff.
Der Tod der Political Correctness
Die sogenannte „political correctness“ ist nicht etwa von bösen Rechten ermordet worden – sie hat sich selbst zu Tode exerziert. Mit einer Inbrunst, die man sonst nur aus religiösen Erweckungsbewegungen kennt, erklärte sie Sprache zum moralischen Minenfeld. Jedes Wort wurde verdächtig, jede Redewendung ein potenzielles Vergehen, jeder Sprecher ein Angeklagter auf Bewährung.
Was als Rücksichtnahme begann, endete als inquisitorischer Sprachkult. Wer nicht mitbetete, wurde markiert. Wer widersprach, belehrt. Wer lachte, exkommuniziert. So stirbt jede Idee: nicht durch Kritik, sondern durch Überdehnung.
Sprache wächst von unten – oder sie stirbt
Seit Jahrtausenden entwickelt sich Sprache auf dieselbe Weise wie Märkte, Bräuche oder Humor: ungeplant, widersprüchlich, lebendig – und von unten. Kein Zentralkomitee hat je einen Dialekt erfunden, kein Ministerium eine Redewendung populär gemacht. Sprachpolizeiliche Eingriffe sind daher kein Kulturbeitrag, sondern ein Giftanschlag auf die natürliche Evolution der Sprache.
Wo Sprache nicht mehr gesprochen, sondern verwaltet wird, verstummt sie innerlich. Man hört noch Wörter – aber man versteht einander nicht mehr.
Rosenkranz und die Rückkehr zur Nüchternheit
Mit Dr. Walter Rosenkranz hat Österreich das seltene Glück, daß an einer zentralen staatlichen Stelle jemand sitzt, der Sprache wieder als das behandelt, was sie ist: ein Werkzeug – kein Moralabzeichen. Seine Entideologisierung der Amtssprache ist kein Kulturkampf, sondern eine Rückkehr zum gesetzlichen und gewachsenen Normalzustand.
Daß er dafür von der IG Muttersprache gemeinsam mit der Redaktion der GAZETTE OESTERREICH zum „Retter und Beschützer der Muttersprache 2025“ ernannt wurde, ist folgerichtig. Es ist die Anerkennung dafür, daß endlich jemand den Mut hatte, den Gesslerhut der Sprachmoral vom Haupt der Republik zu nehmen.
Grimm, Duden – und das kalte Grauen
Man mag sich vorstellen, wie Jacob und Wilhelm Grimm, wie Konrad Duden auf heutige Sprachregelungen blickten: mit Staunen, dann mit Entsetzen. Nicht, weil Sprache sich verändert – das taten ihre Werke stets –, sondern weil sie hier politisch zerlegt, normiert und umerzogen wird. Nicht Erkenntnis treibt diese Eingriffe, sondern Gesinnung.
Das Ergebnis ist keine sensiblere, sondern eine ärmere Sprache. Eine Sprache, die mehr Angst kennt als Ausdruck.
Sprache ist ein Recht, keine Gnade
Sprache zu benutzen bedeutet Freiheit. Nicht die Freiheit, alles zu sagen – sondern die Freiheit, ohne ideologischen Maulkorb zu sprechen. Dieses Recht wird nicht „von oben“ verliehen, es ist dem Menschen eigen. Wer es einschränkt, greift nicht bloß in den Diskurs ein, sondern in die geistige Selbstbestimmung.
Eine Gesellschaft, die ihre Sprache verliert, verliert mehr als Worte: Sie verliert das Gespräch, den Widerspruch – und schließlich den Geist.
Und genau deshalb braucht Österreich keine neue Sprache. Es braucht den Mut, die eigene wieder zu sprechen.
Nicht nur die Sprache gehört dem Volk, auch die Bücher – Bücher zu verbieten heißt aber, dem Volk keine kritische Beurteilung der Texte zuzutrauen – der Bürger wird dadurch entmündigt! Bibliotheken (etwa in Stalin-Graz) verbannen Bücher aus ihren Regalen, die von selbsternannten Zensoren als nicht politisch korrekt beurteilt werden – wer steckt hinter solchen „Bücherverbrennungen“?
Bibliotheken sind Archive des kulturellen Gedächtnisses, nicht Wohlfühlzonen. Sie bewahren auch das Unangenehme, das Beschämende, das politisch Falsche. Gerade darin liegt ihre demokratische Funktion. Eine Gesellschaft, die ihre sprachlichen Spuren tilgt, statt sie kritisch zu lesen, verliert die Fähigkeit zur Selbstreflexion.
Der angemessene Umgang mit problematischen Begriffen besteht daher nicht im Verbot, sondern in der Mündigkeit. Leserinnen und Leser müssen lernen, historische Texte als Produkte ihrer Zeit zu verstehen, ohne deren Sprache unkritisch zu übernehmen. Das erfordert Bildung, Kontext und Debatte – keine sprachliche Säuberung. Fortschritt zeigt sich nicht darin, dass Wörter verschwinden, sondern darin, dass wir verstehen, warum sie ideologisch problematisch geworden sind.
Die Debatte um „verbotene Wörter“ berührt einen empfindlichen Nerv moderner Gesellschaften: das Spannungsfeld zwischen historischer Sprache, moralischem Zwangs-Fortschritt und der angemaßten Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Am Beispiel des Wortes „Neger“ lässt sich diese Problematik besonders deutlich zeigen.
In Gerhard Roths Roman: „Ein neuer Morgen“ kommt, genau gezählt, 54mal das Wort „Neger“ vor – na und? Er darf das natürlich und mein Enkerl darf „10 kleine Negerlein“ nicht lesen??
Zensur, Manipulation und Büchervernichtung ist einer mündigen Gesellschaft beschämend unwürdig.