Tabuthema Altersarmut

Über Geld spricht man nicht. Vor allem nicht über das eigene, und schon gar nicht, wenn es einem abgeht. Vielleicht wird deswegen nicht über das Problem gesprochen, in das wir mit Volldampf hineinsteuern. Die Altersarmut. Sie wird übrigens jeden betreffen. Auch die Millennials, die jetzt noch spottend über die „Boomer“-Generation herziehen. Bloß eine Zeitfrage!



Wir schreiben das Jahr 1975. Carl Douglas hat seinen einzigen Hit „Kung Fu Fighting“ gelandet. Das Kabinett Kreisky II wird von der nächsten SPÖ-Alleinregierung, dem Kabinett Kreisky III abgelöst. Im Fernsehen, damals nur ORF, startet die Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, der legendäre „Mundl“. Ein Packerl Zigaretten – damals rauchte man noch – kostete ca. ÖS 15,– (€ 1,09). Ein Teil der RAF-Terroristen ist im Gefängnis, verteidigt von Rechtsanwälten, die später als Grünen-Politiker Karriere machten, ein anderer Teil der Politkriminellen versucht, mit Anschlägen und Morden die Genossen freizupressen.



In diesem Jahr beginnt unser imaginärer Mensch sein Berufsleben mit einer Lehre. Nennen wir ihn Kurt und stellen wir ihn uns als Lehrling bei einem Installateur Gas, Wasser und Heizungen vor. Nach seiner Lehre wird er für ca. 9 Monate aus dem Berufsleben verschwinden, weil er das Bundesheer absolvieren muß.

Von nun an ist er über den Sommer viel am Bau. Er schiebt viele Überstunden und spart, weil er sich ein Auto kaufen will. Im Winter, wenn der Bau witterungsbedingt steht, ist er mit Wartungs-, Austausch- und Reparaturtätigkeiten eingespannt. Echte Knochenarbeit, einen 120l-Boiler von einer Wand zu heben und gegen ein nicht unbedingt leichteres Modell auszutauschen. Aber es zahlt sich aus!

Kurt ist ein fleißiger und netter Kerl, lernt die um ein paar Jahre jüngere Helga kennen. Sie heiraten und planen ihre Zukunft: Eigene vier Wände! Kurt schiebt wieder Überstunden, Helga sieht zu, was sie in ihrem Job als Buchhalterin rausholen kann. Mit viel Fleiß, viel Zuversicht und ein bisserl Hilfe von den Eltern und Großeltern haben sie das Geld für einen Baugrund bald zusammen. Jetzt heißt es weiter reinbeißen…

Sechs Jahre nachdem Kurt und Helga heirateten und ihre Zukunft planten, drei Jahre nachdem sie sich einen Baugrund kauften laufen ihre Bausparverträge aus und gemeinsam mit dem sonst noch gesparten, wieder ein bisserl Hilfe von Papa, Mama, Oma und Opa haben sie das Geld zusammen, sich ein Haus zu bauen. Wohnbauförderung vom Land gibt ’s auch. Palast muß es eh keiner werden. Aber um das alles zu finanzieren – man will die Schulden ja nicht ewig haben – heißt es jetzt Ohren anlegen, ein paar Überstunden schieben, Fortbildung machen für eine Gehaltserhöhung, Kurse besuchen…




Als Helga schwanger wurde, war die Freude unermeßlich groß! Gottseidank hatte man sich ein eigenes Heim geschaffen, eigene vier Wände in denen man Kinder aufziehen kann. Ihr erstes Kind heißt Siegrid und ist ihr ganzer Stolz. Unbeschreiblich süß! Helga bleibt jetzt natürlich zuhause bis die Kleine in den Kindergarten geht. Danach will sie unbedingt wieder in ihre alte Anstellung zurück. Ihr Chef, der sich mit Kurt und Helga freute, verspricht ihr sie sicher wieder anzustellen, weil er selten jemand so ambitionierten und fleißigen wie die Helga bei sich in der Firma hatte. Der stolze Papa Kurt schiebt derweil ein paar Überstunden. Das macht sich zwar nicht mehr so bezahlt wie früher, weil die Abzüge immer höher werden, aber was soll ’s…

Kurt hat sich gemacht. Er ist Meister, hat viele Zusatzausbildungen und läßt keine Arbeit liegen. Er ist eine absolute Bereicherung für die Firma. Länger unter der Woche arbeiten? Kein Problem. Am Wochenende aushelfen, wenn es dringend ist? Kurt ist da! Und Helga? Genauso fleißig! Neben den vielen Kleinigkeiten für Siegrid arbeitet sie nebenbei geringfügig wieder für ihren alten Chef. Nichts besonderes. Nichts anspruchsvolles. Kleinkram. Ein paar tausend Schilling sind ’s auch. Die Arbeit zuhause, den Haushalt und den Garten teilen sich die beiden. Es ist ihr gemeinsames Glück und es sind ihre gemeinsamen Aufgaben. Siegrid ist nun drei Jahre alt, hat entdeckt, daß Kugelschreibertinte hervorragend auf weißen Wänden hält und Helga ist wieder schwanger. Im Haus ist genug Platz, das Kinderzimmer von Siegrid wird für den Neuzuwachs ein bißchen erneuert und umgestaltet. Und Siegrid zieht in ein größeres Zimmer, das vorher im Prinzip leer war. Die Neueinrichtung kostet ein wenig, weil nicht einmal ein Boden drin war im Zimmer. Wird schon. In Kurts Firma ist genug zu tun. Überstunden bis zum Abwinken.




Markus heißt der Neuzuwachs. Ein kleiner Sonnenschein. Siegrid liebt ihn abgöttisch und das Glück unserer vier Menschen scheint perfekt. Naja… Ab und zu zwickt das Geldbörserl. Kurt ist wenig zuhause, weil er in der Firma benötigt wird und man das Geld eh gut gebrauchen kann. Helga schaut, ob sie wieder etwas geringfügig dazuverdienen kann. Leider. Ihr alter Chef, der ihr versprach, sie sofort und mit offenen Armen wieder in der Firma aufzunehmen, bedauert. Sie ist schon zu lange weg, nicht mehr am neuesten Stand. Nach der gesetzlichen Behaltefrist im Anschluß an die Karenz muß er sich leider von ihr trennen. Leider. Kurt findet, der künftige Ex-Chef von Helga ist ein Ar***. Helga sieht das auch so. Naja. Dann heißt es eben wieder ein bisserl reinbeißen für Kurt. Helga sucht sich in der Zwischenzeit Ersatz.

Der kleine Kurt ist jetzt fünf, geht in den Kindergarten und ist ein prächtiger kleiner Wirbelwind. Genauso wie seine Schwester. Sie geht schon in die vierte Klasse der Volksschule. Helga hat wieder etwas eine Anstellung gefunden. Nicht so gut bezahlt, unangenehme Arbeitszeiten. Obwohl sie nur für 20h pro Woche angemeldet ist, kommt sie jede Woche auf mindestens 36 Stunden. Mehrstunden. Die machen das Kraut nicht fett. Sie ist froh, überhaupt Arbeit gefunden zu haben. Überall wurde ihr gesagt, wie ungern man eine Mutter von zwei Kindern anstellt, außerdem hat sie so lange nicht mehr gearbeitet… „Nicht mehr gearbeitet…? Kleinkinder betreuen und Haushalt schupfen geht ja so nebenbei… Trottel!“, denkt sich Helga, sagt es nicht und macht brav den Job für den sie sich zurecht überqualifiziert und unterbezahlt fühlt. Kurt liebt seine Frau und seine Kinder und sieht zu, daß er das Einkommensloch mit ein paar Überstunden ausfüllt.

Zu Kurts 50. Geburtstag kommt Siegrid. Sie studiert in einer großen Stadt, bringt ihre Liebe zu ihren Eltern mit und schnorrt sie ein wenig an. Markus will ein Moped. Helga sieht das ganze locker. Auch wenn sie vom 20h-Job mit 40h Zeitaufwand genervt ist, hat sie sich damit arrangiert. So locker ist das heute nicht mehr, eine Anstellung zu finden. Der erste Kredit vom Hausbau ist jetzt nach über 20 Jahren abbezahlt. Jetzt kann man sich ein wenig mehr rühren. Kurt kann dazu auch nur schmunzeln. Obwohl… So einfach wie früher ist ’s nun nicht mehr. Wenn in der Firma mehr zu erledigen ist, nimmt man kurzfristig ein paar Leasinghackler. Arme Teufel, die einen Dreck verdienen. Überstunden und die Möglichkeit, kurz ein wenig mehr zu verdienen, gibt ’s nicht mehr. Außerdem würde es nicht mehr funktionieren. Nach über 30 Jahren spielen die Gelenke und vor allem das Kreuz nicht mehr so mit.




Jetzt ist 2020, Januar. Kurt hat jetzt 44 Jahre unterbrochen vom Präsenzdienst durchgehend gearbeitet. Kommenden Januar will er in Pension gehen. Mit 61 Jahren und 45 Beitragsjahren. Sein Chef, der Sohn vom Alten, der ihn seinerzeit als Lehrling aufnahm, hält dies auch für Blödsinn. Seit ein paar Jahren ist Kurt nur mehr in der Werkstatt und im Lager, kann die ganzen schweren Sachen auf der Baustelle nicht mehr erledigen. Nun. Er könnte schon, aber würde sich selbst dabei massiv schaden. Wenn Kurt sich aus der Hocke aufrichtet, krachen seine Gelenke als ob er Schweizerkracher in den Knien hätte. Helga ist stolz auf ihren Mann und ihre Kinder. Aber wenn sie sich die künftige Pension einmal ausrechnen läßt und ihr der Wert ihrer Kinderbetreuung in Zahlen dargelegt wird, beißt sie sich auf die Lippen, weil sie grantig wird. Siegrid und Markus sind schlaue, wunderbare und fleißige junge Menschen, die ihre Jobs mit Freude machen, ihre Steuern und Abgaben leisten. – Wie sie es von ihren Eltern lernten, wie sie es bei ihren Eltern gesehen haben.

Markus hat im Fernsehen einen Bericht gesehen, in dem der Rechnungshof unzählige Verbesserungsvorschläge zur Einsparung im Pflege- und Gesundheitsbereich macht. Aber scheinbar will sich keiner die Mühe machen, diese Vorschläge abzuarbeiten und Fehler zu vermeiden.
Siegrid las in ihrer Online-Zeitung, daß man die Einführung einer Pflegeversicherung plant, die aber niemandem etwas kosten soll. Das macht stutzig, weil es unglaubwürdig klingt. Sie ruft einen alten Studienkollegen an, der in Frankfurt arbeitet und erzählt ihm das. Der lacht und fragt: „Weißt Du, wieviel ich für meine Pflegeversicherung zahle?“ Siegrid verneint. „Viel. Sehr viel!“ antwortet der alte Freund.


„Aber was hat das mit Altersarmut zu tun?“, fragt sich jetzt der eine oder andere Leser. Alles! Jemandem nach 45 Beitragsjahren die abschlagsfreie Pension zu verweigern hat doch nicht den Zweck, zwei weitere Beitragsjahre rauszuholen, sondern die Pensionen zu mindern. Das derzeit gängige Umlagesystem wird sich mittelfristig nicht weiter tragen können. Das ist klar. Die Beitragsjahre werden mittelfristig erhöht werden müßen. Das ist auch klar. Das gesetzliche Pensionsantrittsalter wird auch steigen müßen. Ebenfalls klar.
Doch dafür sind zuvor zwei Maßnahmen nötig. Und dafür muß man keine Kompanie an Versicherungsmathematikern und Volkswirten bemühen.
1. Die Anreize, Menschen auch im gehobenen Alter anzustellen müssen erhöht werden. Wer heute mit 50+ außerhalb von Führungspositionen seinen Job verliert, hat im Normalfall ein größeres Problem. Die Chance, noch einmal einen zumindest ähnlich bezahlten Job zu bekommen ist verschwindend gering. Je näher zum 60er, desto verschwindender! Und all das in einer Volkswirtschaft, die das gesetzliche Pensionsalter bei 65 für Männer ansetzt. Für Frauen stellt sich die Situation noch viel schlimmer dar.
2. Solange das Einsparungspotential im System noch nicht einmal angegangen wurde, ist es ziemlich frech, bei den Bürgern Geld einzusammeln! Egal ob für Pensionen oder für Pflege. Die Mär einer Pflegeversicherung mit voller Leistung ohne Prämienzahlung glaubt niemand.



Es ist ein Problem, auf das wir zusteuern. Abgesehen von sehr betroffenen Gesichtern zuständiger Minister war nichts sehen. Abgesehen von teilweise haarsträubend dummen Wortspenden zum Thema war nichts zu hören.


Bilder:
Bildquelle Carl Douglas: Shattalyrics.blogspot.com
Bild Kreisky, Taus / screenshot © orf
Kinderwagen: © wikimedia / Sky ffm / cc by-sa 3.0


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